Die Lösung
Die Lösung
Die vedischen Schriften beschreiben das menschliche Leben als eine besondere Möglichkeit: Der Mensch kann erkennen, wer er wirklich ist, wodurch sein Denken und Handeln beeinflusst wird und in welcher Beziehung er zu Gott steht.
Wenn wir verstehen, dass wir nicht mit unserem Körper, unserem Besitz, unseren Rollen, Gedanken oder wechselnden Gefühlen identisch sind, entsteht daraus jedoch eine neue Frage:
Was folgt aus dieser Erkenntnis für unser Leben?
Die vedische Antwort besteht nicht darin, die materielle Welt abzulehnen oder sich aus ihr zurückzuziehen. Wir leben weiterhin in einem Körper, führen Beziehungen, arbeiten, besitzen Dinge, treffen Entscheidungen, erleben Freude und Leid und tragen Verantwortung für unser Handeln.
Die Veränderung beginnt an einer anderen Stelle.
Wir lernen zu unterscheiden zwischen dem, was zu unserem gegenwärtigen Leben gehört, und dem, was wir unserem eigentlichen Wesen nach sind.
Die Seele (Ātmā) bleibt das bewusste Lebewesen. Körper, Besitz, gesellschaftliche Stellung und viele unserer Lebensumstände sind dagegen vergänglich. Sie gehören zu unserer gegenwärtigen Verkörperung, aber sie sind nicht unsere ewige Identität.
Aus dieser Erkenntnis kann eine andere Beziehung zur materiellen Welt entstehen.
Loslassen bedeutet nicht, die Welt aufzugeben
Die vedischen Schriften verwenden für Loslösung den Begriff Vairāgya.
Loslösung bedeutet jedoch nicht Gleichgültigkeit.
Wir müssen nicht unsere Familie verlassen, unseren Besitz aufgeben oder unsere Verantwortung gegenüber anderen Menschen beenden. Auch Gefühle, Wünsche und persönliche Ziele müssen nicht einfach unterdrückt werden.
Entscheidend ist vielmehr, wie stark wir unsere Identität von ihnen abhängig machen.
Ich kann etwas besitzen, ohne mich über meinen Besitz zu definieren.
Ich kann einen Menschen lieben, ohne ihn besitzen zu wollen.
Ich kann erfolgreich sein wollen, ohne meinen eigenen Wert vom Erfolg abhängig zu machen.
Ich kann eine Überzeugung vertreten, ohne mein Ego daran zu binden, unbedingt recht behalten zu müssen.
Und ich kann etwas verlieren, ohne deshalb selbst verloren zu sein.
Loslassen bedeutet deshalb nicht, keine Beziehungen mehr zu haben. Es bedeutet, Beziehung und Anhaftung unterscheiden zu lernen.
Warum fällt uns Loslassen so schwer?
Weil wir uns nicht nur mit Dingen verbinden.
Wir verbinden unser Ich mit ihnen.
Mein Körper.
Meine Familie.
Mein Haus.
Mein Beruf.
Meine Position.
Meine Überzeugungen.
Meine Leistungen.
Meine Vorstellungen davon, wie mein Leben verlaufen sollte.
Hier wirkt Ahaṅkāra, die materielle Ich-Identifikation. Das verkörperte Lebewesen beginnt, das, womit es verbunden ist, mit sich selbst zu verwechseln.
Dadurch kann der Verlust einer Sache, einer Beziehung oder einer Position weit über den tatsächlichen Verlust hinausgehen.
Nicht nur etwas in meinem Leben verändert sich – plötzlich scheint ein Teil dessen bedroht zu sein, was ich für mein „Ich“ gehalten habe.
Spirituelles Loslassen beginnt deshalb mit einer grundlegenden Unterscheidung:
Was bin ich – und womit habe ich mich lediglich identifiziert?
Die Vergänglichkeit annehmen
Alles Materielle ist der Veränderung unterworfen.
Unser Körper verändert sich.
Menschen treten in unser Leben und verlassen es wieder.
Besitz entsteht und vergeht.
Erfolg und Misserfolg wechseln einander ab.
Gesundheit, gesellschaftliche Stellung und äußere Sicherheit können sich verändern.
Hier begegnen wir erneut Kāla, der Zeit.
Das Problem besteht nicht darin, dass diese Dinge wertlos wären. Viele von ihnen sind wichtig und verdienen unsere Aufmerksamkeit und Verantwortung.
Das Problem beginnt dort, wo wir von etwas Vergänglichem erwarten, uns dauerhafte Sicherheit und Identität zu geben.
Loslassen bedeutet deshalb auch, Vergängliches als vergänglich anzuerkennen.
Die Bhagavad-gītā 2.71 beschreibt Frieden im Zusammenhang mit der Überwindung von Verlangen, Besitzdenken und falscher Ich-Identifikation.
Loslassen bedeutet dabei nicht, nichts mehr zu wollen.
Es bedeutet, nicht mehr von jedem Wunsch abhängig zu sein.
Freiheit entsteht zwischen Wunsch und Handlung
Wir erleben ständig Wünsche und Impulse.
Ich möchte etwas besitzen.
Ich möchte anerkannt werden.
Ich möchte gewinnen.
Ich möchte recht haben.
Ich möchte etwas vermeiden.
Ich möchte, dass sich eine Situation anders entwickelt.
Solche Wünsche sind zunächst Teil unserer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit.
Entscheidend ist, was danach geschieht.
Muss aus jedem Wunsch unmittelbar eine Handlung werden?
Oder kann ich einen Wunsch wahrnehmen, ihn betrachten, prüfen und anschließend entscheiden, ob ich ihm folgen möchte?
Hier zeigt sich eine tiefere Form von Freiheit.
Freiheit bedeutet nicht nur, tun zu können, was ich will. Freiheit bedeutet auch, nicht tun zu müssen, was ein momentaner Wunsch von mir verlangt.
Genau deshalb besitzen Selbstbeherrschung und die zuvor beschriebenen regulierenden Prinzipien eine Bedeutung.
Sie sollen Wünsche nicht vernichten.
Sie helfen dabei, einen Raum zu erhalten, in dem bewusste Entscheidung möglich bleibt.
Loslassen heißt nicht, die Verantwortung abzugeben
Auch gegenüber unserem Handeln ist Loslassen leicht misszuverstehen.
Die Bhagavad-gītā fordert nicht dazu auf, gleichgültig gegenüber den Ergebnissen unseres Handelns zu werden.
Der Mensch soll handeln.
Er soll seine Aufgaben erfüllen.
Er soll Verantwortung übernehmen.
Aber er soll lernen, zwischen seiner Verantwortung für eine Handlung und seiner Verfügung über deren endgültiges Ergebnis zu unterscheiden.
Wir können sorgfältig planen und trotzdem scheitern.
Wir können etwas gut meinen und unerwartete Folgen verursachen.
Wir können verantwortungsvoll handeln und dennoch auf Bedingungen treffen, die wir nicht kontrollieren.
Wir können versuchen, einem anderen Menschen zu helfen, ohne bestimmen zu können, was dieser daraus macht.
Wir sind für unser Handeln verantwortlich – aber wir verfügen nicht über die gesamte Wirklichkeit, auf die unser Handeln trifft.
Auch das ist Loslassen.
Nicht die Handlung wird aufgegeben, sondern der Anspruch, ihr Ergebnis vollständig beherrschen zu können.
Handeln, ohne sich an das Ergebnis zu binden
Damit kommen wir zu einem zentralen Gedanken der Bhagavad-gītā.
Spirituelle Entwicklung bedeutet nicht, das Handeln einzustellen, sondern die Beziehung zum eigenen Handeln zu verändern.
Die Bhagavad-gītā 3.9 erklärt, dass Handlungen, die nicht als Opfer beziehungsweise für Viṣṇu ausgeführt werden, den Menschen an die materielle Welt binden.
Daraus entwickelt sich die Grundidee des Karma-yoga:
Handeln, ohne sich selbst zum alleinigen Mittelpunkt und Nutznießer des Handelns zu machen.
Ich setze meine Fähigkeiten ein.
Ich übernehme Verantwortung.
Ich bemühe mich um ein gutes Ergebnis.
Aber ich beginne, meine Tätigkeit in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Damit verändert sich die Frage von:
„Was bekomme ich dafür?“
zu:
„Wofür tue ich das?“
Loslassen allein ist noch nicht die Lösung
An diesem Punkt müssen wir eine entscheidende Grenze ziehen.
Ein Mensch könnte viele materielle Bindungen aufgeben und trotzdem weiterhin vollständig um sich selbst kreisen.
Er könnte wenig besitzen und stolz darauf sein.
Er könnte streng diszipliniert leben und andere Menschen dafür verurteilen, dass sie es nicht tun.
Er könnte seine Wünsche beherrschen und gerade daraus eine neue Vorstellung eigener Überlegenheit entwickeln.
Loslösung allein beendet Ahaṅkāra deshalb nicht zwangsläufig.
Freiheit von etwas beantwortet noch nicht die Frage, wofür wir frei werden wollen.
Deshalb ist Vairāgya nicht das höchste Ziel des menschlichen Lebens.
Es schafft Freiheit für eine neue Ausrichtung.
Und diese Ausrichtung führt uns zur Bhakti.
Von der Loslösung zur Beziehung
Bhakti bedeutet die freiwillige und liebende Hinwendung zu Gott.
Damit verändert sich die gesamte Vorstellung von spiritueller Entwicklung.
Es geht nicht hauptsächlich darum, immer weniger Beziehungen zur Welt zu haben.
Es geht darum, unsere Beziehungen aus einer anderen Mitte heraus zu leben.
Wenn die Seele (Ātmā) ihrem Wesen nach in Beziehung zu Kṛṣṇa steht, besteht die Lösung nicht darin, sie von allem zu lösen.
Die entscheidende Bewegung besteht vielmehr darin, ihre eigentliche Beziehung wieder bewusst werden zu lassen.
Das Śrīmad-Bhāgavatam 1.2.6 beschreibt als höchstes Dharma jene Ausrichtung, durch die der Mensch zu liebender Hingabe an den transzendenten Herrn gelangt. Diese Hingabe soll ohne eigennützige Motivation und ohne Unterbrechung sein.
Damit erhält auch das Loslassen seine Richtung:
Wir lassen nicht einfach etwas los. Wir werden frei, uns neu auszurichten.
Was verändert Bhakti?
Bhakti erzeugt nicht erst die Beziehung zwischen Seele und Gott.
Diese Beziehung besteht bereits.
Auch Gottes Gegenwart als Paramātmā muss nicht erst durch spirituelle Übungen erzeugt werden.
Was sich verändert, ist die Ausrichtung unseres Bewusstseins.
Wir beginnen, unser Leben nicht mehr ausschließlich von den Fragen bestimmen zu lassen:
Was möchte ich?
Was brauche ich?
Was gehört mir?
Was bringt mir Anerkennung?
Was verschafft mir Sicherheit?
Andere Fragen treten hinzu:
Was ist wahr?
Was ist meine Verantwortung?
Was dient anderen?
Was entspricht meiner eigentlichen Natur?
Und:
Wie möchte ich meine Beziehung zu Gott leben?
Damit wird Bhakti nicht zu einer Flucht aus dem Leben.
Sie verändert vielmehr den Bezugspunkt, von dem aus wir leben.
Was bedeutet Glaube auf diesem Weg?
Auch Śraddhā, Glaube oder Vertrauen, erhält in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung.
Glaube ist nicht die Belohnung dafür, dass wir vorher alle materiellen Anhaftungen erfolgreich überwunden haben.
Und er bedeutet auch nicht, niemals wieder eine Frage oder einen Zweifel zu haben.
Śraddhā beschreibt zunächst ein Vertrauen, das es ermöglicht, sich auf einen spirituellen Weg einzulassen.
Die Bhagavad-gītā 4.39 verbindet dieses Vertrauen mit spirituellem Wissen, Sinnesbeherrschung und Erkenntnis.
Glaube und Erkenntnis müssen deshalb keine Gegensätze sein.
Ein Mensch kann Vertrauen entwickeln, lernen, prüfen, erfahren und dadurch zu einer immer tieferen Überzeugung gelangen.
Spirituelle Erkenntnis verlangt dabei nicht, Fragen auszuschalten.
Sie verlangt die Bereitschaft, sich der Wahrheit zu stellen – auch dann, wenn diese Wahrheit den eigenen bisherigen Vorstellungen widerspricht.
Wahrheit muss nicht unseren Vorstellungen entsprechen
Das ist vielleicht eine der schwierigsten Formen des Loslassens.
Wir hängen nicht nur an Menschen, Besitz oder gesellschaftlichen Positionen.
Wir hängen auch an unseren Überzeugungen.
An unserem Bild von uns selbst.
An unserem Bild von anderen Menschen.
Und manchmal auch an unserem Bild von Gott.
Das Śrīmad-Bhāgavatam 1.2.11 beschreibt die Absolute Wahrheit als eine Wirklichkeit, die als Brahman, Paramātmāund Bhagavān erkannt wird.
Wahrheit entsteht damit nicht dadurch, dass wir von etwas besonders überzeugt sind.
Wahrheit besteht unabhängig davon, ob wir sie bereits vollständig erkannt haben.
Spirituelle Suche verlangt deshalb auch die Bereitschaft, die eigene Vorstellung loszulassen, wenn sie sich als unzureichend oder falsch erweist.
Das ist keine Schwäche des Glaubens.
Es kann Ausdruck ernsthafter Wahrheitssuche sein.
Loslassen bedeutet nicht weniger Leben
Wenn wir Loslösung so verstehen, verliert sie ihren weltabgewandten Charakter.
Ich kann einen Menschen intensiver lieben, wenn ich ihn nicht besitzen muss.
Ich kann verantwortlicher arbeiten, wenn mein Selbstwert nicht vollständig von meinem beruflichen Erfolg abhängt.
Ich kann einen Konflikt offener betrachten, wenn ich nicht unbedingt gewinnen muss.
Ich kann großzügiger mit Besitz umgehen, wenn Besitz nicht meine Identität bestimmt.
Ich kann einen Fehler leichter eingestehen, wenn mein Selbstbild nicht davon abhängt, immer recht zu haben.
Und ich kann Veränderungen eher annehmen, wenn ich verstehe, dass meine eigentliche Identität nicht mit jeder Veränderung meiner Lebensumstände bedroht ist.
Loslassen bedeutet deshalb nicht weniger Leben.
Es kann bedeuten, freier am Leben teilzunehmen.
Was ist also die Lösung?
Die Lösung besteht nach vedischem Verständnis nicht darin, der materiellen Wirklichkeit zu entkommen.
Sie besteht nicht darin, alle Wünsche zu unterdrücken.
Sie besteht nicht darin, allen Besitz aufzugeben.
Und sie besteht nicht darin, gegenüber Menschen und Ereignissen gleichgültig zu werden.
Die Lösung beginnt mit Erkenntnis:
Ich bin nicht das, womit ich mich vorübergehend identifiziert habe.
Aus dieser Erkenntnis kann Vairāgya entstehen – die Fähigkeit, Anhaftungen loszulassen, ohne Beziehung und Verantwortung aufzugeben.
Dadurch entsteht Freiheit.
Aber Freiheit allein braucht eine Richtung.
Diese Richtung findet die vedische Bhakti-Tradition in der bewussten Beziehung zu Kṛṣṇa.
Bhakti bedeutet deshalb nicht, den eigenen Willen zu vernichten. Sie eröffnet die Möglichkeit, ihn freiwillig neu auszurichten.
Wir müssen die materielle Welt nicht verlassen.
Wir müssen lernen, sie nicht mit dem Absoluten zu verwechseln.
Wir müssen Beziehungen nicht aufgeben.
Wir müssen lernen, Liebe von Besitz und Anhaftung zu unterscheiden.
Wir müssen Verantwortung nicht abgeben.
Wir müssen lernen, Verantwortung von Kontrolle zu unterscheiden.
Und wir müssen unseren individuellen Willen nicht verlieren.
Wir können lernen, ihn bewusst auf das auszurichten, was wir als wahr und als unsere eigentliche Beziehung zu Gott erkannt haben.
Damit liegt die Lösung nicht in einem einzigen Verzicht und nicht in einer einzelnen religiösen Handlung.
Sie liegt in einer grundlegenden Veränderung unseres Bewusstseins und unserer Beziehungen:
zu uns selbst,
zu anderen Lebewesen,
zur materiellen Welt
und zu Gott.
Vielleicht lässt sich die vedische Vorstellung der Lösung deshalb auf einen einfachen Gedanken zurückführen:
Erkennen, wer wir wirklich sind. Loslassen, womit wir uns fälschlicherweise identifizieren. Verantwortlich mit dem umgehen, was uns gegeben ist. Und die dadurch entstehende Freiheit nutzen, um unsere ewige Beziehung zu Gott bewusst zu leben.
Wer ist Gott?
Weißt du, was Glaube und Allmacht bedeuten?
Kennst du den Unterschied zwischen Wissenschaft und Wahrheit?
Kannst du dir vorstellen, wie Leben überhaupt entsteht?
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