Die Aufgaben
Die Aufgabe des Menschen
Haben wir überhaupt eine Aufgabe?
Wenn der Mensch eine ewige Seele (Ātmā) ist, wenn er in Beziehung zu Gott steht und wenn sein Handeln Wirkungen besitzt, entsteht eine weitere Frage:
Ergibt sich daraus eine Aufgabe für unser Leben?
Die vedischen Schriften beantworten diese Frage nicht nur mit Geboten und Verboten.
Sie beginnen wesentlich grundlegender.
Der Mensch besitzt die besondere Möglichkeit, seine eigene Existenz zu untersuchen. Er kann erkennen, dass er nicht mit seinem Körper identisch ist. Er kann seine Wünsche und Handlungen prüfen. Er kann zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten unterscheiden und nach dem Ursprung seiner Existenz fragen.
Und er kann sich bewusst zu Gott in Beziehung setzen.
Die Aufgabe des Menschen beginnt deshalb mit Erkenntnis.
Doch Erkenntnis bedeutet in der Bhagavad-gītā wesentlich mehr als das Ansammeln von Informationen.
Was bezeichnet Kṛṣṇa als Wissen?
In Bhagavad-gītā 13.8–12 nennt Kṛṣṇa eine bemerkenswerte Reihe von Eigenschaften und bezeichnet sie gemeinsam als Wissen.
Dazu gehören unter anderem:
Demut – Amānitvam
die Bereitschaft, sich selbst nicht zum höchsten Maßstab zu machen.
Freiheit von Stolz – Adambhitvam
nicht mehr sein zu wollen, als man tatsächlich ist.
Gewaltlosigkeit – Ahiṁsā
anderen Lebewesen nicht unnötig Leid zuzufügen.
Toleranz – Kṣāntiḥ
Schwierigkeiten ertragen zu können, ohne unmittelbar von ihnen beherrscht zu werden.
Aufrichtigkeit – Ārjavam
ohne Täuschung und unnötige Doppelbödigkeit zu handeln.
Sauberkeit – Śaucam
äußere und innere Ordnung und Reinheit zu entwickeln.
Stetigkeit – Sthairyam
eine erkannte Ausrichtung nicht bei jedem Widerstand wieder aufzugeben.
Selbstbeherrschung – Ātma-vinigrahaḥ
nicht jedem auftretenden Impuls folgen zu müssen.
Hinzu kommen Nichtanhaftung, Gleichmut gegenüber angenehmen und unangenehmen Ereignissen, die Beschäftigung mit Selbstverwirklichung, die philosophische Suche nach der Absoluten Wahrheit und schließlich beständige Hingabe an Kṛṣṇa.
Das ist bemerkenswert.
Denn Kṛṣṇa bezeichnet diese Eigenschaften nicht einfach als „gutes Benehmen“.
Er bezeichnet sie als Bestandteile von Wissen.
Warum gehören Eigenschaften zum Wissen?
Wir denken bei Wissen gewöhnlich daran, etwas verstanden zu haben.
Ich kann wissen, was Karma bedeutet.
Ich kann erklären, was Ātmā ist.
Ich kann die drei Guṇas aufzählen.
Und ich kann die Bhagavad-gītā gelesen haben.
Doch daraus folgt noch nicht, dass dieses Wissen mein Handeln verändert.
Die vedische Perspektive verbindet Erkenntnis deshalb mit der Beschaffenheit desjenigen, der erkennt.
Ein Mensch, der vollständig von Stolz bestimmt wird, nimmt anders wahr als ein demütiger Mensch.
Ein Mensch, der seinen Begierden ausgeliefert ist, entscheidet anders als jemand, der einen Wunsch wahrnehmen kann, ohne ihm unmittelbar folgen zu müssen.
Ein Mensch, der an einem gewünschten Ergebnis festhält, bewertet eine Situation anders als jemand, der verschiedene Möglichkeiten prüfen kann.
Damit werden Eigenschaften wie Demut, Selbstbeherrschung und Nichtanhaftung zu Bedingungen klarerer Erkenntnis.
Demut bedeutet nicht Unterwerfung
Gerade Amānitvam, Demut, muss dabei richtig verstanden werden.
Demut bedeutet nicht, sich selbst geringzuschätzen.
Und sie bedeutet auch nicht, sich anderen Menschen willenlos unterzuordnen.
Demut bedeutet zunächst, die eigene Position realistisch zu erkennen.
Ich habe mich nicht selbst erschaffen.
Ich kontrolliere nicht alle Bedingungen meines Lebens.
Mein Wissen ist begrenzt.
Meine Wahrnehmung kann sich täuschen.
Meine Wünsche können mein Urteil beeinflussen.
Und die Wirklichkeit richtet sich nicht vollständig nach meinen Vorstellungen.
Diese Erkenntnis verkleinert den Menschen nicht.
Sie korrigiert Ahaṅkāra – die Vorstellung, selbst der unabhängige Mittelpunkt der Wirklichkeit zu sein.
Selbstbeherrschung bedeutet nicht Unterdrückung
Dasselbe gilt für Selbstbeherrschung.
Ein spirituelles Leben verlangt nicht, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse einfach zu verdrängen.
Die entscheidende Fähigkeit besteht vielmehr darin, zwischen einem auftretenden Impuls und einer daraus folgenden Handlung unterscheiden zu können.
Ich kann wütend sein, ohne verletzend handeln zu müssen.
Ich kann etwas begehren, ohne es besitzen zu müssen.
Ich kann Angst empfinden, ohne jede Entscheidung von dieser Angst bestimmen zu lassen.
Ich kann mich gekränkt fühlen, ohne unmittelbar zurückzuschlagen.
Zwischen Impuls und Handlung kann Bewusstsein treten.
Genau deshalb waren die zuvor beschriebenen regulierenden Prinzipien wichtig: Sie sind keine moralischen Leistungen an sich. Sie können dabei helfen, diesen Raum bewusster Entscheidung zu erhalten.
Nichtanhaftung bedeutet nicht Gleichgültigkeit
Auch Vairāgya, Nichtanhaftung beziehungsweise Loslösung von den Objekten der Sinnesbefriedigung, wird leicht missverstanden.
Nichtanhaftung bedeutet nicht, dass uns nichts mehr wichtig sein darf.
Wir dürfen Menschen lieben.
Wir dürfen Verantwortung für Familie übernehmen.
Wir dürfen arbeiten, gestalten, besitzen und genießen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Was geschieht mit mir, wenn das, woran ich hänge, nicht meinen Erwartungen entspricht?
Nichtanhaftung bedeutet, etwas wertschätzen zu können, ohne die eigene Identität davon abhängig zu machen.
Damit wird sie zu einer Form innerer Freiheit.
Gleichmut bedeutet nicht Gefühllosigkeit
Die Bhagavad-gītā nennt außerdem Gleichmut gegenüber angenehmen und unangenehmen Ereignissen.
Auch das bedeutet nicht, Freude und Trauer nicht mehr empfinden zu dürfen.
Der Unterschied liegt darin, ob diese wechselnden Zustände vollständig darüber bestimmen, wer wir sind und wie wir handeln.
Freude kommt.
Schmerz kommt.
Erfolg kommt.
Misserfolg kommt.
Anerkennung kommt.
Ablehnung kommt.
Der Mensch kann all dies erleben und trotzdem lernen, seine grundlegende Ausrichtung nicht mit jeder Veränderung der äußeren Bedingungen zu verlieren.
Das ist Gleichmut.
Warum braucht der Mensch einen spirituellen Lehrer?
Zu den von Kṛṣṇa genannten Bestandteilen des Wissens gehört auch Ācāryopāsanam – die Annäherung an einen echten spirituellen Lehrer. Bhagavad-gītā 4.34 ergänzt diesen Gedanken: Spirituelles Wissen soll durch demütiges Fragen, Dienst und Unterweisung von jemandem empfangen werden, der die Wahrheit erkannt hat.
Auch dahinter steht eine einfache Erkenntnis:
Wir können nicht voraussetzen, dass unsere eigene Sichtweise bereits der Maßstab der Wahrheit ist.
Ein Guru soll deshalb nicht das eigene Denken ersetzen.
Seine Aufgabe besteht darin, den Schüler innerhalb einer authentischen Überlieferung zur Erkenntnis zu führen.
Gerade deshalb verlangt die Annahme spiritueller Führung wiederum Unterscheidungsfähigkeit und Verantwortung.
Ist spirituelles Leben Rückzug aus der Welt?
Die Bhagavad-gītā 13.8–12 spricht auch von einer Neigung zu einem zurückgezogenen Ort und einer Distanz zum allgemeinen gesellschaftlichen Trubel.
Das sollte nicht als Aufforderung verstanden werden, Menschen oder Gesellschaft abzulehnen.
Der funktionale Gedanke dahinter ist nachvollziehbar:
Wer ständig von äußeren Reizen, Erwartungen, Meinungen und Ablenkungen bestimmt wird, findet schwer Raum für Selbstprüfung.
Rückzug kann deshalb zeitweise notwendig sein.
Aber spirituelle Erkenntnis muss sich anschließend im Leben bewähren.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir der Welt entkommen.
Sie lautet:
Wie handeln wir, wenn wir wieder mitten in ihr stehen?
Was bedeutet Selbstverwirklichung?
Kṛṣṇa nennt schließlich die beständige Beschäftigung mit Selbsterkenntnis und die philosophische Suche nach der Absoluten Wahrheit als Bestandteile von Wissen.
Selbstverwirklichung bedeutet dabei mehr als Selbstoptimierung.
Es geht nicht darum, die bestmögliche Version unseres materiellen Ichs zu erschaffen.
Die Frage reicht tiefer:
Wer ist dieses Ich überhaupt?
Wenn ich nicht mein Körper bin,
wenn ich nicht mit meinen wechselnden Gedanken und Gefühlen identisch bin,
wenn ich als Ātmā ein ewiges bewusstes Lebewesen bin,
dann muss auch mein Verhältnis zu meinen Rollen, Wünschen und Lebenszielen neu betrachtet werden.
Selbstverwirklichung bedeutet deshalb zunehmend, aus der Erkenntnis der eigenen wirklichen Identität heraus zu leben.
Und wo bleibt Gott?
Damit kommen wir zum entscheidenden Unterschied zwischen bloßer Selbstentwicklung und spirituellem Leben.
Das Ziel besteht nicht darin, aus eigener Kraft einen vollkommenen Menschen zu erschaffen.
In Bhagavad-gītā 13.8–12 gehört die beständige und ungeteilte Hingabe an Kṛṣṇa ausdrücklich zum beschriebenen Wissen.
Und das Śrīmad-Bhāgavatam 1.2.6 führt diesen Gedanken noch weiter: Als höchstes Dharma wird jene Ausrichtung bezeichnet, die zu unmotivierter und ununterbrochener liebender Hingabe an den transzendenten Herrn führt.
Damit erhalten all die genannten Eigenschaften eine Richtung.
Demut ist nicht Selbstzweck.
Selbstbeherrschung ist nicht Selbstzweck.
Nichtanhaftung ist nicht Selbstzweck.
Selbstverwirklichung ist nicht Selbstzweck.
Sie schaffen und begleiten eine Entwicklung, in der der Mensch seine materielle Identifikation zunehmend durchschaut und seine Beziehung zu Gott bewusst leben kann.
Was ist also die Aufgabe des Menschen?
Vielleicht sollten wir deshalb weniger von einer einzelnen „Aufgabe“ sprechen als von einer Ausrichtung des menschlichen Lebens.
Der Mensch kann lernen,
zu erkennen, was wahr ist,
zu unterscheiden, was ihn bindet und was ihn freier macht,
seine Wünsche und Impulse nicht automatisch mit seinem wahren Selbst gleichzusetzen,
Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen,
Eigenschaften zu entwickeln, die klare Erkenntnis und verantwortliches Handeln ermöglichen,
und seine Beziehung zu Kṛṣṇa zunehmend bewusst zu leben.
Dann werden die göttlichen Eigenschaften nicht zu einer Checkliste, anhand der wir uns selbst und andere beurteilen.
Sie werden zu etwas anderem:
Sie zeigen, welche Fähigkeiten ein Mensch entwickelt, wenn Erkenntnis beginnt, sein Leben tatsächlich zu verändern.
Und darin liegt vielleicht die eigentliche Aufgabe des Menschen:
Nicht nur zu wissen, wer er ist – sondern zunehmend danach zu leben.

