Gebete

Gelobt sei Gott!

Das Hare-Kṛṣṇa-Mahā-Mantra

Es gibt viele Möglichkeiten, sich Gott zuzuwenden.

Wir können über Ihn nachdenken, zu Ihm beten, Ihm danken, Ihn lobpreisen oder versuchen, unseren Willen auf Seinen Willen auszurichten.

Die vedische Tradition kennt darüber hinaus einen besonders unmittelbaren Weg: Gott bei Seinem Namen anzurufen.

Eine der bekanntesten Formen dieser Anrufung ist das Hare-Kṛṣṇa-Mahā-Mantra:

Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa,
Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare,
Hare Rāma, Hare Rāma,
Rāma Rāma, Hare Hare.

Das Mantra besteht aus sechzehn Namen beziehungsweise Anrufungen. In der Tradition des Gauḍīya-Vaiṣṇavismus, wie sie auch A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda lehrt, besitzt das Chanten dieser Namen eine zentrale Bedeutung für das spirituelle Leben.

Gerade für das gegenwärtige Kali-Yuga wird die Anrufung der Namen Gottes als besonders geeigneter Weg der Gotteserinnerung und spirituellen Reinigung beschrieben.

Dabei geschieht etwas zunächst sehr Einfaches:

Der Mensch richtet seine Aufmerksamkeit auf Gott.

Was bedeuten diese Namen?

Das Mahā-Mantra ist keine gewöhnliche Aussage und auch keine Beschreibung Gottes.

Es ist eine Anrufung.

Kṛṣṇa bezeichnet die Höchste Persönlichkeit Gottes und wird in der Vaiṣṇava-Tradition unter anderem als der Allanziehende verstanden.

Rāma verweist auf Gott als Quelle höchster spiritueller Freude.

Hare wird als Anrufung der göttlichen Energie verstanden, insbesondere Harā, der inneren Energie Gottes.

Damit lässt sich der innere Sinn des Mantras sinngemäß als Bitte verstehen:

„O Herr, o Energie des Herrn, bitte nehmt mich in Euren hingebungsvollen Dienst auf.“

Das ist etwas anderes als eine bloße Aussage:

Gott ist groß.

Der Betende stellt sich selbst in eine Beziehung zu Gott.

Und genau darin liegt für mich die besondere Tiefe dieses Mantras.

Vom Wissen zur Beziehung

Wir können viel über Gott lesen.

Wir können versuchen, Seine Eigenschaften zu verstehen, über Schöpfung, Seele, Karma, Dharma und Bewusstsein nachzudenken.

Doch irgendwann entsteht eine andere Frage:

Was mache ich mit diesem Wissen?

Wenn Gott tatsächlich existiert und ich als Ātmā in einer ewigen Beziehung zu Ihm stehe, dann kann Gotteserkenntnis nicht ausschließlich eine intellektuelle Angelegenheit bleiben.

Beziehung verlangt Hinwendung.

Das Mahā-Mantra vollzieht genau diese Bewegung.

Der Mensch spricht Gott an.

Er erinnert sich an Ihn.

Er richtet seine Aufmerksamkeit auf Ihn.

Und er bittet darum, seine ursprüngliche Beziehung zu Gott wieder leben zu dürfen.

In diesem Sinne gehört das Mantra für mich nicht nur zum Wissen über Gott.

Es gehört zum Vollzug der Beziehung zu Gott.

Warum Wiederholung?

Die ständige Wiederholung eines Mantras mag einem Menschen, der damit nicht vertraut ist, zunächst ungewöhnlich erscheinen.

Doch unser Geist wiederholt ohnehin ununterbrochen Gedanken.

Wir wiederholen Sorgen.

Wir wiederholen Wünsche.

Wir führen vergangene Gespräche erneut.

Wir stellen uns zukünftige Situationen vor.

Wir beschäftigen uns mit dem, was wir besitzen möchten, was uns verletzt hat oder was wir fürchten.

Unsere Aufmerksamkeit richtet unser Bewusstsein aus.

Das Chanten setzt diesem ständigen materiellen Gedankenstrom bewusst die Erinnerung an Gott entgegen.

Nicht indem der Geist ausgeschaltet wird.

Sondern indem er eine andere Ausrichtung erhält.

Aus der Beschäftigung mit sich selbst wird schrittweise die Hinwendung zu Gott.

Eine freie Übertragung

Als ich mich intensiver mit dem Mahā-Mantra beschäftigte, stellte sich mir eine Frage:

Wie könnte ein Mensch aus einer anderen monotheistischen Tradition den inneren Impuls einer solchen Hinwendung verstehen?

Daraus entstand folgende freie Meditation:

Gelobt sei Gott, der Allmächtige,
gepriesen sei unser Schöpfer.
Der allmächtige Schöpfer
sei gelobt und gepriesen.

Gelobt sei Seine Schönheit,
gepriesen Seine Herrlichkeit,
Seine wunderbare Anziehungskraft
sei gelobt und gepriesen.

Diese Worte sind keine Übersetzung des Hare-Kṛṣṇa-Mahā-Mantras.

Sie sind auch kein Ersatz dafür.

Sie sind meine persönliche Übertragung eines Gedankens, der mir beim Nachdenken über das Mantra wichtig geworden ist:

Der Mensch kann sich Gott zuwenden, Ihn anrufen, Ihn lobpreisen und seine Aufmerksamkeit bewusst auf Ihn richten.

Was verbindet die Religionen – und was nicht?

Hier müssen wir vorsichtig sein.

Judentum, Christentum, Islam und die vedische Vaiṣṇava-Tradition besitzen unterschiedliche Gottesvorstellungen, Offenbarungstraditionen und Formen des Gebets.

Diese Unterschiede sollten wir nicht beseitigen, indem wir behaupten, alle Gebete bedeuteten letztlich dasselbe.

Das tun sie nicht.

Und doch finden wir eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit:

Der Mensch wendet sich an Gott.

Er dankt.

Er bittet.

Er erinnert sich.

Er lobpreist.

Er bekennt seine Abhängigkeit von Gott.

Und er versucht, sein eigenes Leben in eine Beziehung zum göttlichen Willen zu stellen.

Diese gemeinsame Bewegung interessiert mich.

Nicht weil dadurch alle Religionen gleich würden.

Sondern weil sich darin möglicherweise eine grundlegende Struktur der Gottesbeziehung zeigt:

Der Mensch erkennt, dass Gott nicht nur Gegenstand seines Denkens sein kann, sondern Gegenüber seiner Beziehung.

Vom „Ich“ zum „Du“

Vielleicht liegt darin eine der tiefsten Veränderungen spirituellen Bewusstseins.

Solange ich ausschließlich frage:

Was kann Gott für mich tun?

bleibt mein eigenes Ich im Mittelpunkt.

Die Richtung verändert sich, wenn ich frage:

Was kann ich für Gott tun?

Genau hier bekommt die Bitte des Mahā-Mantras für mich ihre besondere Bedeutung.

Nicht:

Gib mir Erfolg.

Nicht:

Bewahre mich vor allen Schwierigkeiten.

Nicht einmal:

Erkläre mir alles.

Sondern sinngemäß:

Lass mich Dir dienen.

Damit verändert sich die Beziehung.

Der Mensch versucht nicht länger nur, Gott in sein eigenes Leben einzuordnen.

Er beginnt zu fragen, wie er sein eigenes Leben auf Gott ausrichten kann.

Und vielleicht beginnt genau dort das, was die vedische Tradition Bhakti nennt:

nicht nur an Gott zu glauben, sondern eine Beziehung zu Ihm zu leben.