Der allmächtige Schöpfer

Der allmächtige Schöpfer

Gott existiert

Diese Website beginnt an einem Punkt, den wir bewusst offen benennen:

Wir gehen davon aus, dass Gott existiert.

Nicht, weil wir glauben, Seine Existenz zunächst mit naturwissenschaftlichen Methoden beweisen zu müssen. Und auch nicht, weil jede offene Frage über das Universum automatisch als Beweis für Gott dienen könnte.

Die Ausgangsfrage ist eine andere.

Wenn Gott tatsächlich transzendent ist, kann Er nicht einfach wie ein materieller Gegenstand innerhalb der von Ihm geschaffenen Welt untersucht werden. Ein Messverfahren kann nur über das belastbar Auskunft geben, wofür es methodisch geeignet ist.

Die Naturwissenschaft untersucht die beobachtbare materielle Wirklichkeit. Darin liegt ihre außerordentliche Stärke. Aus dieser methodischen Begrenzung folgt jedoch weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes.

Die Gottesfrage verlangt deshalb eine andere erkenntnistheoretische Betrachtung.

Wenn Gott existiert und wenn Er für den Menschen nicht vollständig aus eigener Kraft erfassbar ist, stellt sich die Frage:

Hat Gott selbst etwas über Sich offenbart?

Warum wenden wir uns religiösen Schriften zu?

An diesem Punkt beginnen die großen religiösen Überlieferungen der Menschheit.

Judentum, Christentum und Islam sprechen von einem höchsten Gott, vom Ursprung der Schöpfung und von einer Beziehung zwischen Gott und Mensch. Auch die vedischen Schriften beschreiben eine höchste göttliche Wirklichkeit.

Diese Traditionen verwenden unterschiedliche Begriffe, Bilder und theologische Systeme. Sie dürfen deshalb nicht einfach gleichgesetzt werden.

Aber sie stellen eine gemeinsame Grundbehauptung in den Raum:

Die Wirklichkeit erschöpft sich nicht in der materiellen Welt, und der Mensch ist nicht ihr höchster Ursprung.

Für gottbewusst.de bilden die vedischen Schriften die primäre Grundlage unserer weiteren Untersuchung.

Warum?

Nicht, weil andere religiöse Traditionen deshalb bedeutungslos oder unwahr wären.

Sondern weil die vedische Überlieferung eine außergewöhnlich differenzierte Beschreibung der Beziehungen zwischen Gott, Seele, Bewusstsein, materieller Natur, Handlung, Zeit und spiritueller Wirklichkeit bereitstellt.

Sie ermöglicht uns deshalb, die Gottesfrage nicht bei der bloßen Aussage „Es gibt Gott“ stehen zu lassen.

Sie erlaubt die nächste Frage:

Wer ist Gott?

Sind die Veden monotheistisch?

Auf den ersten Blick kann die vedische Tradition verwirrend erscheinen.

Kṛṣṇa, Viṣṇu, Nārāyaṇa, Rāma, Brahmā, Śiva, Paramātmā – dazu zahlreiche weitere Namen und göttliche Persönlichkeiten.

Ist das nicht Polytheismus?

Innerhalb der von uns zugrunde gelegten vaiṣṇavischen Vedānta-Tradition lautet die Antwort: nein.

Die Vielzahl der Namen bedeutet nicht zwangsläufig eine Vielzahl voneinander unabhängiger höchster Götter; auch im Christentum werden Begriffe wie Schöpfer, Allmächtiger, Vater oder Zuflucht verwendet, denen unterschiedliche Adjektive und Bedeutungsnuancen zugeordnet sind, die jedoch alle auf denselben göttlichen Ursprung verweisen.

Die vedische Theologie unterscheidet vielmehr zwischen dem einen höchsten Ursprung, Seinen verschiedenen Erscheinungsweisen und Erweiterungen, Seinen Energien sowie eigenständigen Lebewesen und kosmischen Funktionsträgern.

Gerade diese Unterscheidung ist notwendig, um die vedische Gottesvorstellung zu verstehen.

Einer – aber nicht auf eine Erscheinungsform begrenzt

Die Bhagavad-gītā stellt Kṛṣṇa als höchste personale Wirklichkeit dar. Die Brahma-saṁhitā 5.1 bezeichnet Govinda als ursprüngliche Persönlichkeit Gottes und als Ursache aller Ursachen.

Damit erhalten die verschiedenen Gottesnamen eine Ordnung.

Kṛṣṇa bezeichnet in der von uns zugrunde gelegten Tradition die ursprüngliche persönliche Gestalt der höchsten Wirklichkeit.

Govinda ist ein Name Kṛṣṇas und hebt eine bestimmte Beziehung und Eigenschaft derselben höchsten Person hervor.

Viṣṇu bezeichnet göttliche Erweiterungen, durch die insbesondere die Beziehung Gottes zur materiellen Schöpfung, ihrer Durchdringung und Erhaltung beschrieben wird.

Rāma, Nṛsiṁha und andere Avatāras werden nicht als konkurrierende Götter verstanden, sondern als personale Erscheinungsformen derselben höchsten göttlichen Wirklichkeit.

Damit lautet die vedische Aussage nicht:

Es gibt viele höchste Götter.

Sondern:

Der eine höchste Gott kann Sich in unterschiedlichen Formen, Beziehungen und Funktionen offenbaren, ohne dadurch Seine Einheit zu verlieren.

Und was ist dann Paramātmā?

Eine für unser Menschenbild besonders wichtige Erscheinungsweise Gottes ist Paramātmā – die Überseele.

Paramātmā ist nicht die individuelle Seele des Menschen.

Die individuelle Seele (Ātmā/Jīva) ist ein ewiges, bewusstes, aber begrenztes Lebewesen.

Paramātmā dagegen bezeichnet die transzendentale Gegenwart Gottes bei den Lebewesen.

Die Bhagavad-gītā beschreibt Ihn unter anderem als Zeugen, Erhalter, Erlaubenden und inneren Führer.

Damit wird etwas Entscheidendes sichtbar:

Der Schöpfer ist nicht nur Ursprung einer Schöpfung.

Er ist in Beziehung zu Seiner Schöpfung gegenwärtig.

Was ist mit Brahmā und Śiva?

Gerade hier entsteht häufig der Eindruck eines vedischen Polytheismus.

Brahmā ist jedoch nicht der höchste Gott, der mit Kṛṣṇa um die Herrschaft über die Welt konkurriert. Er besitzt innerhalb der materiellen Manifestation eine besondere Funktion bei der sekundären Schöpfung und Gestaltung des Universums.

Śiva nimmt eine wesentlich komplexere Sonderstellung ein. Er sollte weder einfach als gewöhnlicher Jīva noch undifferenziert als ein weiterer unabhängiger höchster Gott bezeichnet werden. Seine Stellung zwischen göttlicher und materieller Wirklichkeit wird in der vaiṣṇavischen Theologie gesondert behandelt und ist insbesondere mit Transformation und Auflösung verbunden.

Viṣṇu wiederum gehört nicht in dieselbe Kategorie wie Brahmā. Er ist keine geschaffene kosmische Verwaltungsinstanz, sondern eine göttliche Erweiterung der höchsten Wirklichkeit.

Die oft verwendete Dreiteilung

Brahmā = Schöpfung
Viṣṇu = Erhaltung
Śiva = Auflösung

ist als erste Orientierung hilfreich.

Ontologisch sind die drei jedoch nicht gleichgestellt.

Genau diese Unterscheidung ist wesentlich.

Warum braucht der eine Gott verschiedene Formen?

Hier stellt sich eine naheliegende Frage:

Wenn Gott allmächtig ist – warum braucht Er überhaupt unterschiedliche Formen und Erscheinungsweisen?

Die Frage setzt möglicherweise bereits eine menschliche Begrenzung voraus.

Wir benötigen verschiedene Werkzeuge, weil unsere Fähigkeiten begrenzt sind. Aus der Vielfalt göttlicher Erscheinungsformen folgt jedoch nicht, dass Gott dieselbe Begrenzung besitzt.

Die vedische Theologie versteht die verschiedenen Formen vielmehr als Ausdruck Seiner unbegrenzten Möglichkeiten und Beziehungen.

Gott kann Ursprung der gesamten Wirklichkeit sein und zugleich dem einzelnen Lebewesen als Paramātmā gegenwärtig sein.

Er kann die materielle Schöpfung ermöglichen und zugleich von ihren materiellen Bedingungen unberührt bleiben.

Er kann Sich in unterschiedlichen personalen Formen offenbaren, ohne Seine Identität als höchste Wirklichkeit zu verlieren.

Einheit bedeutet hier nicht Gleichförmigkeit.

Gott und Seine Energien

Diese Einheit in Vielfalt wird noch verständlicher, wenn die vedische Unterscheidung zwischen Gott und Seinen Energien berücksichtigt wird.

Die materielle Natur (Prakṛti) ist nicht Gott selbst und existiert dennoch nicht unabhängig von Ihm.

Die Lebewesen (Jīvas) sind nicht Gott und besitzen dennoch ihren Ursprung in Ihm.

Die spirituelle Wirklichkeit ist ebenfalls nicht etwas, das unabhängig neben Gott existiert.

Damit beschreibt die vedische Lehre eine Wirklichkeit, in der vieles verschieden ist und dennoch alles in Beziehung zum selben höchsten Ursprung steht.

Die Bhagavad-gītā 9.10 beschreibt entsprechend, dass die materielle Natur unter göttlicher Aufsicht wirkt.

Das bedeutet nicht, dass Gott jeden materiellen Vorgang wie ein menschlicher Maschinist einzeln bedienen müsste.

Es bedeutet, dass Prakṛti keine von Gott unabhängige zweite höchste Wirklichkeit darstellt.

Was bedeutet dann Allmacht?

Göttliche Allmacht bedeutet mehr als die Vorstellung, Gott könne jederzeit Naturgesetze außer Kraft setzen.

Wenn Gott der Ursprung der materiellen Natur und ihrer Wirkbedingungen ist, dann steht Er nicht unter den Bedingungen, denen wir als verkörperte Lebewesen unterliegen.

Kṛṣṇa ist nicht durch Karma gebunden.

Er ist nicht den drei Guṇas unterworfen.

Er benötigt keinen materiellen Körper, um zu existieren.

Und Seine Existenz hängt nicht von der Existenz des Universums ab.

Das Verhältnis ist umgekehrt:

Die Schöpfung hängt von Gott ab – Gott nicht von der Schöpfung.

Darin liegt eine wesentlich grundlegendere Bedeutung von Allmacht.

Was können wir über Gott wissen?

Auch wenn wir von der Existenz Gottes ausgehen, behaupten wir damit nicht, Gott vollständig verstanden zu haben.

Ein begrenztes Lebewesen kann die unbegrenzte Wirklichkeit nicht allein durch Spekulation vollständig erfassen.

Deshalb erhält Offenbarung innerhalb der vedischen Erkenntnislehre ihre Bedeutung.

Wir untersuchen, was Gott nach diesen Schriften über Sich, Seine Energien, Seine Schöpfung und Seine Beziehung zu den Lebewesen offenbart.

Das bedeutet zugleich, diese Aussagen sorgfältig zu unterscheiden.

Was sagt tatsächlich die Schrift?

Was ist die Interpretation einer bestimmten Tradition?

Was ist eine philosophische Schlussfolgerung?

Und was ist lediglich unsere eigene Vorstellung?

Diese Unterscheidung wollen wir auf gottbewusst.de so weit wie möglich sichtbar halten.

Von der Existenz Gottes zur Beziehung mit Gott

Damit verändert sich die Gottesfrage.

Wir müssen nicht auf jeder Seite erneut versuchen zu beweisen, dass Gott existiert.

Wir können die wesentlich weiterführende Frage stellen:

Wenn Gott existiert – wer ist Er?

Und wenn Kṛṣṇa tatsächlich der Ursprung des individuellen Lebewesens ist:

Wer bin ich in Beziehung zu Ihm?

An diesem Punkt wird aus der Gottesfrage eine Beziehungsfrage.

Und vielleicht beginnt genau hier das, was wir mit gottbewusst meinen:

Nicht lediglich an die Existenz Gottes zu glauben.

Sondern zunehmend zu verstehen, wer Gott ist, wer wir selbst sind und was diese Beziehung für unser Leben bedeutet.