Der Mensch und Gott
Der Mensch – in Beziehung zu Gott
Die vedischen Schriften beschreiben den Menschen nicht als ein von Gott unabhängiges Wesen. Das individuelle Lebewesen (Jīva beziehungsweise Ātmā) ist ewig und steht seinem Wesen nach in Beziehung zu Kṛṣṇa.
Die Bhagavad-gītā 15.7 beschreibt die Lebewesen als ewige fragmentarische Teile Kṛṣṇas. „Fragment“ bedeutet dabei nicht, dass Gott in Stücke zerfallen wäre oder ein Teil Seiner Vollkommenheit verloren gegangen wäre. Es beschreibt vielmehr eine Beziehung von Ursprung und Zugehörigkeit: Das individuelle Lebewesen besitzt Bewusstsein und Willen, bleibt jedoch begrenzt und ist niemals mit der unbegrenzten höchsten Persönlichkeit identisch.
Der Mensch ist deshalb weder Gott noch von Gott vollkommen unabhängig.
Er ist ein bewusstes individuelles Lebewesen in Beziehung zu Gott.
Warum befindet sich die Seele in der materiellen Welt?
Die Seele muss nicht erst durch materielle Verkörperungen Bewusstsein erwerben. Ātmā ist ihrem Wesen nach bereits bewusst.
In der materiellen Existenz verbindet sich das Lebewesen jedoch mit einem grobstofflichen und einem feinstofflichen Körper. Durch Ahaṅkāra, die materielle Ich-Identifikation, erlebt es sich zunehmend als dieser Körper, als seine Rollen, Wünsche, Fähigkeiten und Besitztümer.
Die Seele wird dabei nicht zum Ego.
Ātmā bleibt Ātmā.
Verändert wird nicht ihr ewiges Wesen, sondern ihre Identifikation innerhalb der materiellen Verkörperung.
Dadurch kann das Bewusstsein des Menschen so stark auf die materielle Existenz ausgerichtet sein, dass seine eigentliche Identität und seine Beziehung zu Gott aus dem Mittelpunkt seines Lebens verschwinden.
Warum gibt es unterschiedliche Lebensformen?
Die vedischen Schriften sprechen von 8.400.000 Formen materiellen Lebens. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Seele diese Lebensformen in einer festgelegten Reihenfolge durchlaufen muss.
Welche Verkörperung ein Lebewesen erfährt, steht vielmehr in einem komplexen Zusammenhang mit Karma, Wünschen, Prägungen, den Guṇas und der bestehenden materiellen Konditionierung.
Die menschliche Verkörperung besitzt dabei eine besondere Bedeutung.
Nicht weil der Mensch biologisch einfach die „letzte Stufe“ einer kosmischen Entwicklung wäre, sondern weil sich ihm in besonderer Weise die Möglichkeit eröffnet, nach seiner eigenen Identität, nach Gott und nach dem Sinn seines Handelns zu fragen.
Der Mensch kann fragen:
Wer bin ich?
Warum handle ich, wie ich handle?
Was bindet mich?
Was ist richtiges Handeln?
Was ist Gott?
Und in welcher Beziehung stehe ich zu Ihm?
Darin liegt die besondere spirituelle Möglichkeit des menschlichen Lebens.
Freiheit bedeutet Verantwortung
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist keine Beziehung zwischen einem allmächtigen Puppenspieler und einer willenlosen Figur.
Der Mensch besitzt Wünsche und Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig handelt er niemals unter vollständig selbst geschaffenen Bedingungen.
Wir wählen unseren Geburtsort nicht frei. Wir bestimmen nicht sämtliche körperlichen Voraussetzungen, Begegnungen oder Ereignisse unseres Lebens. Wir verfügen nicht vollständig über die Folgen unserer Handlungen.
Aber innerhalb dieser Bedingungen besitzen wir einen Bereich von Ausrichtung und Verantwortung.
Deshalb ist Freiheit nicht mit Allmacht zu verwechseln.
Wir können handeln – aber wir können die Wirklichkeit nicht vollständig kontrollieren, auf die unser Handeln trifft.
Gerade daraus entsteht Verantwortung.
Karma ist keine göttliche Bestrafung
Karma beschreibt den fortwirkenden Zusammenhang von Handlung und Wirkung innerhalb der materiellen Existenz.
Es ist jedoch kein einfaches Strafregister Gottes.
Handlungen können äußere Folgen erzeugen. Sie können zugleich den Handelnden selbst prägen, bestimmte Neigungen verstärken und zukünftige Entscheidungen beeinflussen.
Deshalb besitzt unser Handeln Bedeutung.
Aber daraus folgt nicht, dass jedes Leid, das einem Menschen widerfährt, als unmittelbar erkennbare Strafe für eine bestimmte frühere Handlung gedeutet werden dürfte.
Wir kennen die vollständigen karmischen Zusammenhänge eines Menschen nicht.
Karma ist eine Erklärung für die grundsätzliche Fortwirkung von Handlung – keine Berechtigung, über die Schuld eines leidenden Menschen zu urteilen.
Warum lässt Gott Leid zu?
Damit gelangen wir zu einer der schwierigsten Fragen jeder Gotteslehre:
Wenn Gott allmächtig und gut ist – warum gibt es Krieg, Gewalt, Krankheit, Katastrophen und das Leid unschuldiger Menschen?
Die vedische Perspektive gibt darauf keine einfache Antwort, die jedes einzelne Ereignis für uns durchschaubar machen würde.
Sie beschreibt vielmehr mehrere Wirkzusammenhänge.
Menschen besitzen Handlungsmöglichkeiten und können diese gegen andere Menschen richten. Egoismus, Machtstreben, Gier, Hass und Verblendung können reales Leid hervorbringen.
Vergangene Handlungen besitzen Wirkungen, die über den unmittelbaren Augenblick hinausreichen können.
Wir leben außerdem in einer materiellen Welt, die durch Veränderung, Vergänglichkeit, körperliche Verletzlichkeit und Tod gekennzeichnet ist.
Und viele individuelle Handlungen treffen aufeinander und erzeugen eine Wirklichkeit, über deren endgültige Gestalt kein einzelner Mensch verfügt.
All dies steht nach vedischem Verständnis nicht außerhalb der göttlichen Ordnung.
Aber daraus folgt nicht, dass wir jedes konkrete Leid als von Gott gewollte Lektion entschlüsseln könnten.
Ist jedes Leid karmisch verdient?
Diese Frage verlangt besondere Vorsicht.
Wenn ein Kind leidet, Menschen Opfer eines Krieges werden oder eine Bevölkerungsgruppe verfolgt wird, dürfen wir nicht behaupten:
„Sie müssen dafür etwas getan haben.“
Damit würden wir aus einer allgemeinen Lehre über Karma ein Urteil über konkrete Menschen ableiten, obwohl uns die dafür notwendige Erkenntnis fehlt.
Ebenso problematisch wäre die Behauptung, ein unterdrücktes Volk müsse durch seine Unterdrückung „Demut lernen“.
Unterdrückung bleibt Unrecht.
Gewalt bleibt Gewalt.
Der Handelnde trägt Verantwortung für seine Handlung.
Die Lehre von Karma hebt diese Verantwortung nicht auf – sie verschärft sie vielmehr.
Gerade weil Handlungen Folgen haben, kann Karma niemals als Rechtfertigung dafür dienen, anderen Menschen Leid zuzufügen oder ihrem Leid gleichgültig gegenüberzustehen.
Wo ist Gott im Leid?
Nach vedischem Verständnis verlässt Gott das Lebewesen auch im Leid nicht.
Als Paramātmā ist die transzendentale Gegenwart Kṛṣṇas bei jedem Lebewesen gegenwärtig – als Zeuge, Erhalter, Erlaubender und innerer Führer.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Ereignis unmittelbar als Botschaft Gottes gelesen werden sollte.
Wir wissen nicht, warum ein bestimmtes Ereignis genau diesem Menschen zu genau diesem Zeitpunkt widerfährt.
Die spirituell verantwortliche Frage lautet deshalb weniger:
„Was hat dieser Mensch getan, dass er leiden muss?“
Sondern:
„Wie soll ich angesichts dieses Leidens handeln?“
Damit führt die Frage nach Gott unmittelbar zurück zur eigenen Verantwortung.
Gott und der menschliche Wille
Göttliche Führung hebt den individuellen Willen nicht auf.
Der Mensch kann sich Gott zuwenden oder sein Leben weitgehend unabhängig von dieser Beziehung führen. Er kann aus Mitgefühl oder Egoismus, Erkenntnis oder Verblendung, Verantwortung oder Gleichgültigkeit handeln.
Auch Buddhi, Manas, bestehende Prägungen und die Guṇas beeinflussen seine materielle Entscheidungs- und Handlungssituation.
Die genaue Beziehung zwischen individuellem Wollen, materieller Konditionierung und göttlicher Führung ist komplex. Wir sollten sie deshalb nicht auf den Satz reduzieren: „Gott entscheidet alles“ oder auf das Gegenteil: „Der Mensch entscheidet alles selbst.“
Beides wäre zu einfach.
Was bedeutet Befreiung?
Das Ziel des menschlichen Lebens besteht nach der Bhakti-Tradition nicht darin, ein karmisches Schuldkonto vollständig „abzubezahlen“, bis Gott schließlich den Eintritt in das Paradies erlaubt.
Befreiung ist grundsätzlicher.
Sie bedeutet die Überwindung der materiellen Gebundenheit und die Wiederentdeckung der ewigen Beziehung des Jīvazu Kṛṣṇa.
Dabei verliert die Seele nicht ihre Individualität.
Sie erkennt vielmehr ihre eigentliche Identität und ihre Beziehung zu Gott.
Bhakti bezeichnet die freiwillige Hinwendung zu dieser Beziehung.
Damit wird auch deutlich, warum Gottesbeziehung nicht erzwungen werden kann. Eine Beziehung, die auf Zwang beruht, wäre keine freiwillige Hingabe.
Der individuelle Wille wird deshalb nicht vernichtet, sondern neu ausgerichtet.
Ist der Tod die Befreiung?
Auch hier müssen wir unterscheiden.
Der Tod beendet die gegenwärtige Verbindung mit dem grobstofflichen Körper.
Aber:
Tod ist nicht automatisch Befreiung.
Solange die materielle Gebundenheit fortbesteht, kann auf den Tod eine weitere Verkörperung folgen.
Die Bhagavad-gītā 8.6 verbindet den Bewusstseinszustand beim Verlassen des Körpers mit der weiteren Existenz des Lebewesens. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelner letzter Gedanke, der zufällig im Augenblick des Todes auftaucht. Der Bewusstseinszustand am Lebensende steht in Beziehung zu der Ausrichtung, die während des Lebens entwickelt wurde.
Spirituelles Leben beginnt deshalb nicht erst auf dem Sterbebett.
Wie wir leben, prägt auch, wie wir dem Tod begegnen.
Die Verantwortung des Menschen
Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt.
Wir sind nicht verantwortlich für alles, was in unserem Leben geschieht.
Aber wir tragen Verantwortung dafür, wie wir innerhalb unserer Möglichkeiten handeln.
Wir entscheiden mit darüber, welche Werte unser persönliches und gemeinschaftliches Leben bestimmen.
Wir können Macht missbrauchen oder verantwortlich einsetzen.
Wir können Menschen manipulieren oder ihre Freiheit achten.
Wir können Gewalt rechtfertigen oder ihr entgegentreten.
Wir können ausschließlich nach unserem eigenen Vorteil fragen oder berücksichtigen, welche Folgen unser Handeln für andere besitzt.
Und wir können beginnen zu fragen, ob unsere eigenen Wertmaßstäbe tatsächlich tragen – oder ob sie einer höheren Orientierung bedürfen.
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch führt deshalb nicht aus der Verantwortung heraus.
Sie führt tiefer in sie hinein.
Denn wenn der Mensch nicht der höchste Maßstab seiner eigenen Wirklichkeit ist, stellt sich eine entscheidende Frage:
Woran soll er sein Handeln ausrichten?
Und genau an dieser Stelle beginnt die Frage nach Dharma.
Wer ist Gott?
Weißt du, was Glaube und Allmacht bedeuten?
Kennst du den Unterschied zwischen Wissenschaft und Wahrheit?
Kannst du dir vorstellen, wie Leben überhaupt entsteht?
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