Die regulierenden Prinzipien

Die vier regulierenden Prinzipien

In der von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda gelehrten Bhakti-Praxis werden vier grundlegende regulierende Prinzipien besonders hervorgehoben:

kein Fleisch-, Fisch- und Eierverzehr,

keine unzulässige Sexualität,

keine Rauschmittel,

kein Glücksspiel.

Entscheidend ist jedoch nicht nur die Frage, was vermieden werden soll.

Interessanter ist die Frage:

Welche menschliche Bindung wird dadurch reguliert?

Gewalt und Ernährung

Das erste Prinzip betrifft unser Verhältnis zu anderen Lebewesen.

Wenn jedes Lebewesen Träger einer individuellen Seele (Ātmā) ist, verändert sich die Betrachtung von Tieren grundlegend.

Sie sind dann nicht lediglich biologische Ressourcen für menschliche Bedürfnisse, sondern ebenfalls verkörperte Lebewesen.

Damit erhält Ahiṁsā, die Vermeidung unnötiger Gewalt, eine spirituelle Bedeutung.

Der Verzicht auf Fleisch, Fisch und Eier ist in der Bhakti-Praxis deshalb nicht lediglich eine Ernährungsregel.

Er stellt die Frage:

Wie weit reicht mein Mitgefühl, wenn meine eigenen Wünsche mit dem Leben anderer Lebewesen in Konflikt geraten?

Reguliert wird hier insbesondere die Bereitschaft, Sinnesgenuss über das Wohlergehen anderer Lebewesen zu stellen.

Sexualität und Begehren

Sexualität gehört zu den starken Kräften menschlichen Lebens.

Die vedische Tradition betrachtet sie deshalb nicht grundsätzlich als etwas Verwerfliches. Entscheidend sind vielmehr Beziehung, Verantwortung und die Frage, ob Sexualität dem Menschen dient oder ob der Mensch zunehmend von sexuellem Begehren bestimmt wird.

Das regulierende Prinzip richtet sich deshalb gegen unkontrollierte beziehungsweise unerlaubte Sexualität.

Sein tieferer Sinn liegt nicht in einer Abwertung des Körpers.

Es geht um den bewussten Umgang mit Kāma, dem Begehren.

Der andere Mensch soll nicht zum Objekt der eigenen Bedürfnisbefriedigung werden.

Damit berührt sexuelle Selbstregulation Fragen von Treue, Verantwortung, Verbindlichkeit, Respekt und Selbstbeherrschung.

Rausch und Klarheit

Alkohol und andere berauschende Substanzen verändern Wahrnehmung, Urteilskraft und Selbstkontrolle.

Genau diese Fähigkeiten benötigen wir jedoch, wenn wir unser Handeln bewusst prüfen wollen.

Der Verzicht auf Rauschmittel besitzt deshalb einen unmittelbar nachvollziehbaren Zusammenhang mit spiritueller Praxis:

Wer Bewusstsein entwickeln möchte, sollte nicht gleichzeitig danach streben, dieses Bewusstsein regelmäßig zu vernebeln.

Es geht dabei nicht darum, Menschen wegen ihres Konsums moralisch abzuwerten.

Die entscheidende Frage lautet:

Was stärkt meine Fähigkeit zu bewusster Wahrnehmung und Entscheidung – und was schwächt sie?

Glücksspiel und die Illusion des schnellen Gewinns

Glücksspiel verbindet Hoffnung auf Gewinn mit einem Ergebnis, das wesentlich dem Zufall überlassen wird.

Dabei können Gier, Verlustangst, Konkurrenzdenken und die Vorstellung verstärkt werden, Wohlstand ohne entsprechende verantwortliche Leistung erlangen zu können.

Im Extremfall entsteht Abhängigkeit.

Das regulierende Prinzip richtet sich deshalb nicht gegen Freude, Spiel oder wirtschaftliches Handeln.

Es richtet sich gegen eine Form des Begehrens, bei der Gewinnstreben und Zufall zunehmend die Kontrolle über vernünftige Entscheidung übernehmen.

Auch hier lautet die grundlegende Frage:

Beherrsche ich meinen Wunsch – oder beherrscht mein Wunsch zunehmend mich?

Sind diese Prinzipien göttliche Gebote?

Hier sollten wir unterscheiden.

Die vier regulierenden Prinzipien besitzen innerhalb der von Prabhupāda gelehrten Bhakti-Praxis eine klare Verbindlichkeit. Wer diesen spirituellen Weg ernsthaft praktiziert, entscheidet sich bewusst für diese Regulierung.

Wir sollten daraus aber kein einfaches Schema machen:

Wer diese Regeln einhält, ist gut. Wer sie verletzt, ist schlecht.

Ein Mensch kann äußerlich alle vier Prinzipien einhalten und dennoch von Stolz, Neid, Härte oder Egoismus bestimmt sein.

Umgekehrt kann ein Mensch mit bestimmten Gewohnheiten ringen und sich dennoch ernsthaft spirituell entwickeln.

Äußere Regulierung und innere Entwicklung sind deshalb nicht identisch.

Die Regeln schaffen günstige Bedingungen.

Was der Mensch innerhalb dieser Bedingungen aus seinem Bewusstsein und seinem Handeln macht, bleibt entscheidend.

Regulierung und die Guṇas

Hier entsteht eine Verbindung zu den drei Guṇas.

Unsere Lebensweise beeinflusst die Bedingungen, unter denen unser Denken, Fühlen und Handeln stattfindet.

Bestimmte Gewohnheiten können Unruhe, Begierde oder Trägheit verstärken. Andere fördern Klarheit, Selbstbeherrschung und Aufmerksamkeit.

Sattva besitzt deshalb für spirituelle Entwicklung eine besondere Bedeutung, weil Klarheit und Unterscheidungsfähigkeit günstigere Voraussetzungen dafür schaffen können, die eigene Situation überhaupt wahrzunehmen.

Aber auch Sattva ist noch ein Guṇa und damit Teil der materiellen Natur.

Das höchste Ziel besteht deshalb nicht lediglich darin, ein besonders sattvischer Mensch zu werden.

Die regulierenden Prinzipien schaffen Bedingungen für etwas Weiterführendes:

die bewusste Hinwendung zu Gott.

Regulierung allein genügt nicht

Das ist vielleicht die wichtigste Unterscheidung.

Man kann auf Fleisch verzichten.

Man kann nüchtern leben.

Man kann seine Sexualität regulieren.

Man kann Glücksspiel vermeiden.

Und trotzdem kann das eigene Leben vollständig um das eigene Ego kreisen.

Verzicht allein erzeugt noch keine Gottesbeziehung.

Deshalb verbindet die Bhakti-Tradition Regulierung mit einer positiven spirituellen Praxis.

Dazu gehören insbesondere das Hören und Sprechen über Gott, das Studium spirituellen Wissens, Gebet, Sevā und das Chanten der heiligen Namen Gottes.

Das bekannteste Beispiel ist das Hare-Kṛṣṇa-Mahā-Mantra:

Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa
Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare
Hare Rāma Hare Rāma
Rāma Rāma Hare Hare

Die Logik dahinter ist entscheidend:

Spirituelles Leben besteht nicht nur darin, etwas wegzulassen. Es braucht eine neue Ausrichtung.

Von äußerer Regulierung zu innerer Freiheit

Damit erhalten die vier regulierenden Prinzipien ihren eigentlichen Platz.

Sie sind nicht der Sinn des Lebens.

Sie sind nicht Gott.

Sie sind nicht Bhakti.

Und sie sind keine Garantie für spirituelle Erkenntnis.

Sie können jedoch Bedingungen schaffen, unter denen der Mensch weniger von bestimmten materiellen Impulsen beherrscht wird und dadurch bewusster prüfen kann, wie er leben und handeln möchte.

Der tiefere Sinn von Regulierung ist deshalb nicht Einschränkung um der Einschränkung willen.

Regulierung soll Freiheit ermöglichen.

Nicht die Freiheit, jedem Impuls folgen zu können.

Sondern die Freiheit, einen Impuls wahrzunehmen, ihn zu prüfen – und entscheiden zu können, ob man ihm folgen will.

Und damit führt die Frage der regulierenden Prinzipien wieder zu einer wesentlich größeren Frage:

Was soll meinen Willen bestimmen – meine momentanen Wünsche oder eine bewusst gewählte Ausrichtung meines Lebens?