Vater unser
Das Vaterunser – wenn aus Bitten Dankbarkeit wird
Das Vaterunser gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten Gebeten des Christentums. Millionen Menschen sprechen seine Worte seit Jahrhunderten. Sie bitten um Gottes Reich, um das tägliche Brot, um Vergebung, um Bewahrung vor Versuchung und um Erlösung vom Bösen.
Meine folgende Fassung ist keine Übersetzung und keine Korrektur des Vaterunsers. Sie ist eine freie Interpretation, die aus einer einfachen Frage entstanden ist:
Was verändert sich in der Beziehung zwischen Mensch und Gott, wenn aus der Bitte Dankbarkeit wird?
Wenn das Kind nicht mehr nur bittet
Stellen wir uns einen Vater und sein Kind vor.
Das Kind kommt zu seinem Vater, wenn es etwas braucht. Es bittet um Nahrung, Hilfe, Schutz oder Trost. Es vertraut darauf, dass der Vater es hört und für es sorgt.
Darin liegt nichts Falsches.
Im Gegenteil: Die Bitte kann Ausdruck von Vertrauen sein. Das Kind wendet sich an seinen Vater, weil es weiß, dass es sich an ihn wenden darf.
Doch irgendwann kann sich etwas in dieser Beziehung verändern.
Das Kind kommt zum Vater und bittet dieses Mal um nichts.
Es sagt:
Danke, dass du für mich sorgst.
Danke, dass du mir vergibst.
Danke, dass du mich begleitest.
Danke für deine Kraft.
Danke, dass du da bist.
Was hat sich verändert?
Nicht der Vater.
Das Bewusstsein des Kindes hat sich verändert.
Es nimmt nicht mehr nur wahr, was ihm fehlt.
Es beginnt wahrzunehmen, was längst da ist.
Aus der Erwartung wird Erkenntnis.
Aus dem Empfangen wird das Bewusstsein des Empfangenen.
Und aus der selbstverständlichen Anwesenheit des Vaters wird eine bewusst wahrgenommene Beziehung.
Genau aus diesem Gedanken ist meine freie Interpretation des Vaterunsers entstanden.
Meine freie Interpretation
Vater unser im Himmel
Heilend wirkt Dein Name,
Dein Reich ist allgegenwärtig,
Dein Wille geschieht im Geiste und im Materiellen.
Wir danken Dir
für unser tägliches Brot,
für die Vergebung unserer Schuld,
wie auch wir unseren Schuldnern vergeben.
Wir danken Dir
für charakterliche Stärke und die Beachtung Deiner Gebote,
für die Erkenntnis des wahrhaft Guten.
Wir danken Dir
für Deine Gegenwart,
für Deine Kraft und Energie
und alle Herrlichkeit, in Ewigkeit!
Amen
„Heilend wirkt Dein Name“
Im ursprünglichen Vaterunser heißt es:
„Geheiligt werde Dein Name.“
Meine Formulierung „Heilend wirkt Dein Name“ ist bewusst etwas anderes.
Sie beschreibt nicht, was der ursprüngliche Satz sprachlich bedeutet. Sie beschreibt eine Erfahrung der Hinwendung zu Gott.
Was geschieht mit einem Menschen, wenn er den Namen Gottes nicht nur ausspricht, sondern seine Aufmerksamkeit wirklich auf Gott richtet?
Hier berührt sich für mich das christliche Gebet mit einer zentralen Vorstellung der vedischen Bhakti-Tradition.
Der Name Gottes ist dort nicht lediglich eine Bezeichnung, mit der wir über Gott sprechen. Die bewusste Anrufung des göttlichen Namens richtet das Bewusstsein auf Gott und soll es von materieller Verstrickung reinigen.
Damit entsteht eine Verbindung zu dem zuvor beschriebenen Hare-Kṛṣṇa-Mahā-Mantra.
Der Mensch spricht nicht mehr nur über Gott.
Er spricht Gott an.
Der Name wird zur Beziehung.
Und eine Beziehung zu Gott kann den Menschen verändern.
In diesem Sinne verstehe ich das Wort:
Heilend.
„Dein Reich ist allgegenwärtig“
Auch dieser Satz verändert bewusst die Perspektive des ursprünglichen Vaterunsers.
Aus
„Dein Reich komme“
wird
„Dein Reich ist allgegenwärtig.“
Ich bitte damit nicht darum, dass Gott erst gegenwärtig werden möge.
Ich versuche zu erkennen, dass Seine Gegenwart nicht davon abhängig ist, ob ich sie wahrnehme.
Das ist für mich ein wesentlicher Gedanke.
Vielleicht besteht ein Teil unserer spirituellen Suche gerade darin, dass wir Gott um etwas bitten, was längst vorhanden ist.
Wir bitten um Seine Nähe.
Um Seine Führung.
Um Seine Gegenwart.
Aber was wäre, wenn Gott längst gegenwärtig ist und sich vielmehr die Frage stellt:
Bin ich für diese Gegenwart empfänglich?
Die vedischen Schriften beschreiben mit Paramātmā die transzendentale Gegenwart Gottes im Herzen aller Lebewesen. Gott muss demnach nicht erst durch unsere spirituelle Praxis anwesend werden.
Was sich verändern kann, ist unsere Beziehung zu dieser bereits bestehenden Gegenwart.
„Dein Wille geschieht“
Dieser Satz verlangt eine wichtige Unterscheidung.
Er bedeutet für mich nicht:
Alles, was auf dieser Welt geschieht, ist deshalb Gottes Wille.
Menschen besitzen einen eigenen Willen. Sie können handeln, Verantwortung übernehmen, anderen helfen – und sie können anderen Menschen großes Leid zufügen.
Die Freiheit des Menschen wäre bedeutungslos, wenn jede seiner Entscheidungen lediglich die unmittelbare Ausführung des göttlichen Willens wäre.
Und dennoch vollzieht sich unser Handeln innerhalb einer Wirklichkeit, deren grundlegende Ordnung wir nicht selbst geschaffen haben.
Wir haben weder die Materie erschaffen noch das Leben, die Zeit, die Gesetzmäßigkeiten der Natur oder die Bedingungen, unter denen unsere Handlungen Folgen hervorbringen.
So verstehe ich meinen Satz heute:
Der menschliche Wille handelt innerhalb einer größeren göttlichen Ordnung.
Damit wird aus „Dein Wille geschehe“ für mich nicht die Aufforderung zur Passivität.
Im Gegenteil.
Es entsteht eine anspruchsvollere Frage:
Wie richte ich meinen freien Willen freiwillig auf den Willen Gottes aus?
Hier berühren sich Gebet, Verantwortung und Dharma.
Vom Bitten zum Erkennen
Besonders deutlich wird meine Veränderung des Vaterunsers beim täglichen Brot.
Im Original bitten wir:
„Unser tägliches Brot gib uns heute.“
In meiner Fassung heißt es:
„Wir danken Dir für unser tägliches Brot.“
Beides hat seine Berechtigung.
Aber die innere Bewegung ist unterschiedlich.
Die Bitte richtet meine Aufmerksamkeit zunächst auf das, was ich benötige.
Der Dank richtet meine Aufmerksamkeit auf das, was ich bereits empfangen habe – und auf denjenigen, von dem ich es empfange.
Dasselbe geschieht mit der Vergebung.
Ich kann Gott bitten:
Vergib mir.
Aber ich kann auch erkennen:
Mir ist Vergebung überhaupt möglich.
Und daraus entsteht unmittelbar Verantwortung.
Denn wenn ich selbst Vergebung erhoffe oder empfange, stellt sich die Frage:
Bin auch ich bereit zu vergeben?
Dankbarkeit bleibt dadurch nicht beim Gefühl stehen.
Sie verändert im besten Fall mein Handeln.
Was könnte Dank für Gott bedeuten?
Hier beginnt für mich die eigentlich interessante Frage.
Wenn Gott nur eine unpersönliche kosmische Kraft wäre, wäre es letztlich gleichgültig, ob ich Ihm danke.
Wenn Gott jedoch Person ist und die Seele in einer wirklichen Beziehung zu Ihm steht, erhält Dankbarkeit eine andere Bedeutung.
Dabei möchte ich Gott nicht einfach menschliche Gefühle zuschreiben.
Ein menschlicher Vater ist nicht Gott.
Aber die Analogie kann uns etwas zeigen.
Ein liebender Vater braucht den Dank seines Kindes nicht, um Vater zu sein.
Seine Liebe wird nicht erst durch die Anerkennung des Kindes erzeugt.
Und trotzdem kann es für ihn von Bedeutung sein, wenn sein Kind eines Tages erkennt, was zwischen ihnen besteht.
Vielleicht lässt sich daraus vorsichtig etwas über die Gottesbeziehung verstehen.
Gott braucht unseren Dank nicht, um vollkommen zu sein.
Aber wenn die Beziehung zwischen Gott und Seele tatsächlich eine lebendige Beziehung ist, dann kann die bewusste Hinwendung der Seele nicht bedeutungslos sein.
Der Dank gibt Gott nichts, was Ihm fehlen würde.
Der Dank verändert die Antwort der Seele auf die Beziehung.
Die Seele erkennt:
Ich habe empfangen.
Ich bin nicht die Quelle von allem.
Ich existiere nicht aus mir selbst.
Und ich beginne, denjenigen wahrzunehmen, zu dem ich in Beziehung stehe.
Von der Dankbarkeit zur Hingabe
Damit ist der Weg allerdings noch nicht beendet.
Denn irgendwann kann aus
„Danke, dass Du mir gibst“
eine weitere Frage entstehen:
„Was kann ich Dir geben?“
Und genau an dieser Stelle verändert sich die Gottesbeziehung erneut.
Zunächst steht häufig der Mensch im Mittelpunkt:
Beschütze mich.
Hilf mir.
Vergib mir.
Gib mir Kraft.
Nimm mir meine Angst.
Zeige mir meinen Weg.
All diese Bitten dürfen ihren Platz im Gebet haben.
Doch solange sich meine Beziehung zu Gott ausschließlich darum dreht, was Gott für mich tun soll, bleibe letztlich ichim Mittelpunkt dieser Beziehung.
Dankbarkeit beginnt diese Richtung zu verändern.
Ich erkenne, was ich empfangen habe.
Und daraus kann Hingabe entstehen.
Nicht mehr nur:
Was kannst Du für mich tun?
Sondern:
Was kann ich für Dich tun?
Hier sehe ich eine tiefe Verbindung zur vedischen Vorstellung von Bhakti.
Bhakti bedeutet nicht, dass der Mensch seinen Willen verliert.
Es bedeutet, dass aus dem eigenen Willen eine freiwillige Hinwendung zu Gott entstehen kann.
Die Beziehung verändert sich damit schrittweise:
Bitte → Dank → Erwiderung → Dienst → Liebe.
Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung
Das Vaterunser als Dankgebet soll deshalb für mich das ursprüngliche Vaterunser nicht ersetzen.
Es stellt eine andere Frage an dasselbe Verhältnis:
Wie verändert sich meine Beziehung zu Gott, wenn ich nicht nur sehe, was mir fehlt, sondern erkenne, was mir bereits gegeben ist?
Vielleicht beginnt Dankbarkeit genau dort.
Und vielleicht beginnt aus Dankbarkeit irgendwann etwas noch Tieferes.
Der Mensch erkennt Gott nicht mehr ausschließlich als denjenigen, an den er sich in seiner Not wenden kann.
Er erkennt Ihn als Gegenüber.
Als Ursprung.
Als Begleiter.
Als denjenigen, von dem er empfängt und auf dessen Gegenwart er antworten kann.
Dann verändert sich auch das Gebet.
Aus dem Monolog meiner Wünsche kann langsam eine Beziehung werden.
Und aus der Frage
„Was bekomme ich von Gott?“
entsteht irgendwann eine vollkommen andere:
„Was kann ich aus Liebe zu Gott tun?“
Vielleicht liegt genau zwischen diesen beiden Fragen ein wesentlicher Teil unseres spirituellen Weges.

