Wer ist Gott und wie wirkt er in meinem Leben?

Wer ist Gott und wie wirkt Er in meinem Leben?

Die Frage nach Gott beginnt häufig mit der Vorstellung eines Schöpfers: Gott ist der Ursprung der Welt, des Lebens und der Ordnung, in der wir existieren.

Doch wenn Gott nur der Schöpfer wäre, könnte Er für unser gegenwärtiges Leben weit entfernt erscheinen. Er hätte die Welt hervorgebracht – und wir müssten nun innerhalb dieser Welt allein zurechtkommen.

Die vedischen Schriften beschreiben eine wesentlich engere Beziehung.

Gott ist nicht nur der Ursprung unseres Lebens. Er ist dem Lebewesen auch gegenwärtig.

Wer ist Gott?

In der von uns zugrunde gelegten vaiṣṇavischen Tradition wird Kṛṣṇa als die höchste persönliche Wirklichkeit und als Ursprung allen Seins verstanden.

Alles, was existiert, steht in Beziehung zu Ihm. Die materielle Natur (Prakṛti) ist von Ihm abhängig. Die individuellen Lebewesen (Jīvas) haben ihren Ursprung in Ihm. Auch die Gesetzmäßigkeiten der materiellen Welt existieren nicht unabhängig von der göttlichen Ordnung.

Die Bhagavad-gītā 15.7 beschreibt die Lebewesen als ewige fragmentarische Teile Kṛṣṇas.

Das bedeutet nicht, dass Gott in unzählige kleine Teile zerfallen wäre.

Es beschreibt vielmehr unsere Beziehung zu Ihm:

Wir sind nicht Gott – aber wir sind auch nicht unabhängig von Gott.

Die individuelle Seele (Ātmā/Jīva) ist bewusst und besitzt einen individuellen Willen. Sie ist jedoch begrenzt. Kṛṣṇa dagegen wird als unbegrenzte höchste Persönlichkeit beschrieben.

Warum erleben wir uns dann als von Gott getrennt?

Wenn die Seele ihrem Wesen nach in Beziehung zu Gott steht, stellt sich eine naheliegende Frage:

Warum erleben wir diese Beziehung nicht ständig?

Die vedische Antwort liegt nicht darin, dass die Seele erst Bewusstsein entwickeln müsste.

Ātmā ist ihrem Wesen nach bereits bewusst.

In der materiellen Verkörperung identifiziert sich das Lebewesen jedoch mit seinem Körper, seinen Gedanken, seinen Rollen, seinen Wünschen und seinen Vorstellungen von sich selbst.

Hier spielt Ahaṅkāra, das materielle Ich-Bewusstsein, eine wesentliche Rolle.

Die Seele verwandelt sich dabei nicht in ein Ego.

Ātmā bleibt Ātmā.

Aber das verkörperte Lebewesen kann sich mit etwas identifizieren, das es seinem eigentlichen Wesen nach nicht ist.

Aus „Ich habe einen Körper“ wird:

„Ich bin dieser Körper.“

Aus „Ich besitze Fähigkeiten“ wird:

„Ich bin derjenige, der alles aus eigener Kraft bewirkt.“

Und aus der Beziehung zu Gott kann zunehmend die Vorstellung einer unabhängigen Existenz entstehen.

Ist Gott trotzdem bei mir?

Hier führt die vedische Gottesvorstellung einen für unser Verständnis entscheidenden Begriff ein:

Paramātmā – die Überseele.

Die individuelle Seele und Paramātmā sind nicht dasselbe.

Ātmā ist das individuelle bewusste Lebewesen.

Paramātmā ist die transzendentale Gegenwart Gottes bei jedem Lebewesen.

Die Bhagavad-gītā 13.23 beschreibt diese göttliche Gegenwart unter anderem als Beobachter, Erlaubenden und Erhalter. In Bhagavad-gītā 15.15 erklärt Kṛṣṇa, dass Er im Herzen aller Lebewesen gegenwärtig ist und dass von Ihm Erinnerung, Wissen und Vergessen kommen.

Damit verändert sich die Vorstellung unserer Beziehung zu Gott grundlegend:

Wir müssen Gott nicht erst dazu bringen, bei uns zu sein.

Seine Gegenwart geht unserer bewussten Hinwendung zu Ihm voraus.

Bedeutet das, dass Gott mein Leben steuert?

Nein – jedenfalls nicht in dem einfachen Sinn, dass jede unserer Entscheidungen von Gott vorgegeben wäre.

Hier müssen wir zwischen göttlicher Gegenwart, göttlicher Ordnung und menschlicher Verantwortung unterscheiden.

Der Mensch besitzt Wünsche und Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig handelt er innerhalb von Bedingungen, die er nicht vollständig selbst geschaffen hat.

Wir bestimmen nicht unseren Geburtsort, unseren Körper, alle Menschen, denen wir begegnen, oder sämtliche Ereignisse, die auf uns zukommen.

Und wir können auch die Folgen unserer Handlungen niemals vollständig kontrollieren.

Trotzdem sind wir nicht bedeutungslose Figuren in einem bereits vollständig geschriebenen Drehbuch.

Der Mensch kann sich ausrichten, prüfen und handeln und trägt Verantwortung für sein Handeln.

Göttliche Führung hebt diese Verantwortung nicht auf.

Wie führt Gott den Menschen?

Das ist eine wesentlich schwierigere Frage als die Behauptung:

„Gott sagt mir, was ich tun soll.“

Die vedischen Schriften beschreiben Paramātmā als inneren Führer. Gleichzeitig ist der Mensch materiell konditioniert. Wünsche, Ängste, Erfahrungen, Saṁskāras, Vāsanās, die Guṇas, Manas, Buddhi und Ahaṅkāra beeinflussen seine Wahrnehmung und sein Denken.

Deshalb dürfen wir nicht jeden inneren Impuls als Stimme Gottes interpretieren.

Ein Wunsch kann aus Gewohnheit entstehen.

Eine Angst kann aus früheren Erfahrungen stammen.

Ein spontaner Gedanke kann Ausdruck materieller Konditionierung sein.

Spirituelle Entwicklung bedeutet deshalb nicht, jeden inneren Eindruck zu vergöttlichen.

Sie verlangt Unterscheidungsfähigkeit.

Die Bhagavad-gītā 10.10 beschreibt in diesem Zusammenhang Buddhi-yoga: Kṛṣṇa gibt denjenigen, die sich Ihm in liebender Hingabe zuwenden, die entsprechende Unterscheidungs- und Erkenntnisfähigkeit, durch die sie zu Ihm gelangen können.

Göttliche Führung kann daher als Orientierung verstanden werden, ohne dass dadurch Buddhi, Verantwortung und bewusste Entscheidung überflüssig würden.

Ist alles, was mir geschieht, von Gott gewollt?

Auch hier ist Zurückhaltung notwendig.

Wir leben in einer Wirklichkeit, in der viele Faktoren zusammenkommen:

unsere eigenen Handlungen,

die Handlungen anderer Menschen,

materielle Bedingungen,

unsere körperliche und psychische Konditionierung,

Karma,

Prakṛti und die Guṇas,

Kāla, die Zeit,

und eine göttliche Ordnung, die wir nicht vollständig überblicken.

Wir können deshalb nicht jedes Ereignis unseres Lebens entschlüsseln und behaupten:

„Gott hat das geschehen lassen, damit ich genau diese Lektion lerne.“

Vielleicht lernen wir aus einem Ereignis. Daraus folgt aber noch nicht, dass wir Gottes konkrete Absicht mit diesem Ereignis kennen.

Das ist eine wichtige Grenze.

Nicht verfügbar bedeutet nicht ungeordnet – aber ungeordnet erscheinende Wirklichkeit bedeutet auch nicht, dass wir Gottes Ordnung vollständig durchschauen.

Was bedeutet dann Karma?

Karma bedeutet, dass unsere Handlungen nicht folgenlos bleiben.

Aber Karma ist kein Strafbuch, in das Gott unsere Fehler einträgt, um uns später dafür leiden zu lassen.

Handlungen verändern Wirklichkeit. Sie wirken auf andere Menschen und auf uns selbst. Sie können Gewohnheiten, Wünsche und Neigungen verstärken und Bedingungen zukünftiger Erfahrungen mitprägen.

Die drei GuṇasSattva, Rajas und Tamas – beschreiben dabei unterschiedliche Qualitäten materieller Bedingtheit. Gott sortiert unsere Handlungen nicht nachträglich in drei Kategorien ein; vielmehr entstehen Handlungen bereits innerhalb unterschiedlicher Guṇa-Prägungen und können entsprechende Wirkungen entfalten.

Damit wird Karma zu einem wesentlichen Bestandteil menschlicher Verantwortung:

Was ich tue, ist nicht bedeutungslos.

Warum lässt Gott Leid zu?

Diese Frage wird besonders schwierig, wenn Menschen unschuldig erscheinen, Kinder leiden, Kriege geführt oder ganze Bevölkerungsgruppen verfolgt werden.

Die vedische Lehre von Karma gibt uns keine Berechtigung, daraus auf eine konkrete Schuld des Leidenden zu schließen.

Wir können nicht sagen:

„Dieser Mensch leidet, also muss er dafür etwas getan haben.“

Wir kennen seine karmischen Zusammenhänge nicht.

Noch weniger dürfen Krieg, Unterdrückung oder Gewalt damit gerechtfertigt werden, dass ihre Opfer dadurch etwas „lernen“ oder „sühnen“ müssten.

Unrecht bleibt Unrecht.

Und derjenige, der Unrecht begeht, trägt Verantwortung für sein Handeln.

Die für uns entscheidende spirituelle Frage lautet deshalb nicht:

„Warum hat dieser Mensch sein Leid verdient?“

Sondern:

„Welche Verantwortung entsteht für mich, wenn ich diesem Leid begegne?“

Greift Gott in mein Leben ein?

Nach der vedischen Lehre ist Gott kein passiver Beobachter.

Aber wir sollten auch hier nicht mehr behaupten, als wir tatsächlich wissen können.

Wir können Paramātmā als gegenwärtigen Zeugen, Erhalter, Erlaubenden und inneren Führer beschreiben.

Wir können von göttlicher Gnade und Führung sprechen.

Wir können darauf vertrauen, dass die Wirklichkeit nicht außerhalb der göttlichen Ordnung existiert.

Aber wir sollten nicht jedes glückliche Ereignis als Belohnung und jedes schmerzhafte Ereignis als göttliche Korrektur interpretieren.

Die Beziehung zu Gott besteht nicht darin, sämtliche Ereignisse unseres Lebens in vermeintlich eindeutige Botschaften Gottes zu übersetzen.

Sie besteht vielmehr darin, wie wir uns innerhalb dieser Wirklichkeit auf Gott ausrichten.

Was verändert die Hinwendung zu Gott?

Bhakti, die liebende Hinwendung zu Gott, erzeugt nicht erst Gottes Gegenwart.

Paramātmā ist bereits gegenwärtig.

Was sich verändert, ist unsere Beziehung zu dieser Gegenwart.

Ein Mensch, dessen Bewusstsein überwiegend um das eigene Ego, seine Wünsche und seine materielle Identität kreist, wird Wirklichkeit anders wahrnehmen und bewerten als ein Mensch, der zunehmend fragt:

Was ist wahr?

Was ist meine Verantwortung?

Was dient anderen?

Was entspricht meiner Beziehung zu Gott?

Die Hinwendung zu Gott verändert deshalb nicht unbedingt zuerst die Welt um uns herum.

Sie verändert zunächst unsere Ausrichtung innerhalb dieser Welt.

Was will Gott vom Menschen?

Nach der Bhagavad-gītā besteht das höchste Ziel nicht darin, dass der Mensch lediglich anerkennt:

„Ja, Gott ist allmächtig.“

Auch ein theoretischer Glaube an Gott allein beschreibt noch keine lebendige Gottesbeziehung.

Kṛṣṇa spricht von Bhakti – von einer freiwilligen, bewussten und liebenden Hinwendung zu Ihm.

Damit erhält der freie Wille seine vielleicht tiefste Bedeutung.

Gott könnte eine willenlose materielle Welt erschaffen.

Eine Beziehung aber setzt ein Gegenüber voraus.

Liebe kann nicht erzwungen werden.

Die spirituelle Entwicklung des Menschen besteht deshalb nicht darin, seine Individualität oder seinen Willen zu verlieren.

Sie kann vielmehr als zunehmende freiwillige Ausrichtung des eigenen Willens auf den göttlichen Willen verstanden werden.

Und was bedeutet das für mein Leben?

Vielleicht wirkt Gott in unserem Leben deshalb anders, als wir zunächst erwarten.

Nicht nur durch außergewöhnliche Ereignisse.

Nicht nur durch das, was wir als Wunder bezeichnen.

Und nicht erst am Ende unseres Lebens.

Die vedischen Schriften beschreiben eine wesentlich grundsätzlichere Beziehung:

Wir existieren aus Gott.

Wir leben innerhalb einer von Ihm abhängigen Wirklichkeit.

Als Paramātmā ist Er uns gegenwärtig.

Er lässt uns Handlungsmöglichkeiten und damit Verantwortung.

Er bietet Orientierung, ohne unseren individuellen Willen aufzuheben.

Und Er eröffnet uns die Möglichkeit, unsere Beziehung zu Ihm freiwillig wieder ins Zentrum unseres Lebens zu stellen.

Damit verändert sich die Ausgangsfrage.

Nicht mehr nur:

„Wie wirkt Gott in meinem Leben?“

Sondern auch:

„Wie antworte ich auf die Gegenwart Gottes in meinem Leben?“