Wer bin ich, Mensch?

Der Mensch

Wer bin ich wirklich?

Diese Frage klingt zunächst ungewöhnlich.

Schließlich kennen wir unseren Namen. Wir kennen unseren Körper, unsere Herkunft, unseren Beruf, unsere Beziehungen und unsere Lebensgeschichte.

Wenn uns jemand fragt, wer wir sind, antworten wir meistens mit genau solchen Informationen.

Doch beschreiben diese Dinge tatsächlich, wer wir sind?

Oder beschreiben sie zunächst nur die Bedingungen, unter denen wir gegenwärtig leben?

Die vedischen Schriften beginnen ihre Betrachtung des Menschen mit einer grundlegenden Unterscheidung:

Der Mensch hat einen Körper – aber er ist nicht dieser Körper.

Bin ich mein Körper?

Mit unserem Körper begegnen wir der materiellen Welt.

Wir sehen, hören, riechen, schmecken und berühren. Wir bewegen uns, sprechen, arbeiten und verändern unsere Umgebung.

Unser Körper besteht aus Materie. Seine Bestandteile finden wir auch außerhalb des menschlichen Körpers. Trotzdem besteht offensichtlich ein Unterschied zwischen einem lebenden und einem toten Körper.

Der Körper kann noch vorhanden sein – und dennoch fehlt etwas Entscheidendes:

das Leben.

Damit entsteht eine grundlegende Frage:

Was unterscheidet einen lebenden Körper von einem leblosen Körper?

Eine materialistische Betrachtung beschreibt dafür biologische Prozesse: Stoffwechsel, Zellaktivität, neuronale Vorgänge, Kreislauf, Atmung und zahlreiche weitere Funktionen.

Die vedischen Schriften bestreiten diese körperlichen Vorgänge nicht.

Sie stellen jedoch eine zusätzliche Frage:

Wer erlebt diese Vorgänge?

Denn wir bestehen nicht nur aus biologischen Funktionen.

Wir erleben.

Wer nimmt eigentlich wahr?

Wenn wir einen Baum sehen, trifft Licht auf unsere Augen.

Doch das Auge allein „sieht“ nicht in dem Sinne, wie wir Sehen erleben.

Es vermittelt einen Sinneseindruck.

Ebenso erzeugt ein Schallereignis eine Reaktion des Hörsystems. Aber wir erleben nicht lediglich Schwingungen.

Wir hören eine Stimme.

Wir erkennen eine Melodie.

Wir verstehen einen Satz.

Wir erinnern uns an etwas.

Vielleicht entsteht Freude, Ablehnung oder eine Frage.

Zwischen einem äußeren Reiz und unserem bewussten Erleben liegt deshalb ein komplexer Prozess.

Die vedischen Schriften unterscheiden dabei zwischen den Sinnen, Manas, Buddhi, Ahaṅkāra und dem bewussten Lebewesen selbst.

Diese Unterscheidung ist entscheidend.

Der feinstoffliche Mensch

Nicht alles Materielle muss grobstofflich sein.

Das ist für das vedische Menschenbild von grundlegender Bedeutung.

Die Bhagavad-gītā 7.4 zählt neben Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther auch Manas, Buddhi und Ahaṅkāra zur materiellen Energie Kṛṣṇas.

Damit müssen wir unser gewohntes Gegensatzpaar von „Körper oder Geist“ erweitern.

Der grobstoffliche Körper ist materiell.

Aber auch Manas, Buddhi und Ahaṅkāra gehören nach vedischem Verständnis zur materiellen, allerdings feinstofflichen Ausstattung des verkörperten Lebewesens.

Manas verarbeitet Sinneseindrücke und ist mit Denken, Fühlen und Wollen verbunden.

Buddhi besitzt die Funktion der Unterscheidung, Prüfung und Beurteilung.

Ahaṅkāra verbindet das bewusste Lebewesen mit einer materiellen Ich-Identifikation.

Doch auch diese drei sind noch nicht das eigentliche Selbst.

Damit gelangen wir tiefer zur Frage:

Wer erlebt all das?

Die Seele – Ātmā

Die vedische Antwort lautet:

Ātmā – die Seele.

Die Seele ist nicht ein zusätzlicher materieller Bestandteil des Körpers.

Sie ist das bewusste Lebewesen.

Die Bhagavad-gītā beschreibt Ātmā als ungeboren, unvergänglich und vom vergänglichen Körper verschieden.

Der Körper verändert sich ständig.

Schon während eines einzigen Lebens durchlaufen wir Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter. Unser Körper verändert sich dabei tiefgreifend.

Und trotzdem erleben wir eine Kontinuität:

Ich war dieses Kind.

Ich war dieser Jugendliche.

Und ich bin noch immer ich.

Die Bhagavad-gītā 2.13 verwendet genau diesen Wandel des Körpers, um auf die Beständigkeit des verkörperten Lebewesens hinzuweisen.

Das bedeutet nicht, dass sich unsere Persönlichkeit niemals verändert.

Unsere Erfahrungen, Erinnerungen, Wünsche und Prägungen verändern sich.

Aber hinter diesen Veränderungen steht das bewusste Lebewesen, das diese Veränderungen erlebt.

Bin ich dann meine Gedanken?

Auch das wäre zu kurz gegriffen.

Wir erleben Gedanken.

Aber gerade deshalb können wir sie auch beobachten.

Ein Gedanke entsteht.

Er verändert sich.

Er verschwindet.

Ein Wunsch kann heute sehr stark sein und morgen kaum noch Bedeutung besitzen.

Gefühle können sich innerhalb weniger Minuten verändern.

Auch Überzeugungen können sich im Laufe unseres Lebens wandeln.

Wenn alles, was in Manas erscheint, unmittelbar unser eigentliches Selbst wäre, müssten wir uns mit jedem Gedanken neu verändern.

Die vedische Unterscheidung erlaubt eine andere Perspektive:

Ich habe Gedanken – aber ich bin nicht einfach die Summe meiner Gedanken.

Ich habe Gefühle – aber ich bin nicht jedes Gefühl, das in mir entsteht.

Ich habe einen Körper – aber ich bin nicht dieser Körper.

Damit beginnt Selbsterkenntnis.

Die materielle Ich-Identifikation

Warum erleben wir uns trotzdem so selbstverständlich als Körper, Persönlichkeit, Beruf oder gesellschaftliche Rolle?

Hier wird Ahaṅkāra wichtig.

Der Begriff wird häufig mit „falsches Ego“ übersetzt. Gemeint ist die materielle Identifikation des bewussten Lebewesens.

Wir sagen:

Ich bin jung.

Ich bin alt.

Ich bin schön.

Ich bin erfolgreich.

Ich bin Deutscher.

Ich bin Unternehmer.

Ich bin reich.

Ich bin arm.

Viele dieser Aussagen beschreiben tatsächlich etwas Reales an unserer gegenwärtigen Verkörperung oder Lebenssituation.

Problematisch werden sie dort, wo aus einer vorübergehenden Eigenschaft die Definition unseres eigentlichen Selbst wird.

Die Seele verwandelt sich dabei nicht in das Ego.

Ātmā bleibt Ātmā.

Aber das verkörperte Lebewesen kann sich mit seinen materiellen Bedingungen identifizieren und dadurch seine eigentliche Identität aus dem Blick verlieren.

Die Seele ist nicht Gott

Wenn Ātmā nicht materiell ist, könnte eine weitere Frage entstehen:

Ist die Seele dann selbst Gott?

Die vedischen Schriften unterscheiden hier klar.

Die Bhagavad-gītā 15.7 beschreibt die Lebewesen als ewige fragmentarische Teile Kṛṣṇas.

Das bedeutet nicht, dass Gott in Stücke zerfallen wäre.

Es beschreibt vielmehr eine Beziehung.

Die Seele besitzt Bewusstsein und individuellen Willen. In diesem Sinne besteht eine qualitative Verwandtschaft mit Gott.

Aber das individuelle Lebewesen ist begrenzt.

Wir wissen nicht alles.

Wir können nicht alles.

Wir kontrollieren nicht die gesamte Wirklichkeit.

Kṛṣṇa dagegen wird als die unbegrenzte höchste Persönlichkeit und als Ursprung allen Seins beschrieben.

Die Seele ist deshalb weder Materie noch Gott.

Sie ist ein individuelles, bewusstes und ewiges Lebewesen in Beziehung zu Gott.

Und wo ist Gott?

Damit gelangen wir zu einer weiteren wichtigen vedischen Unterscheidung.

Im Herzen des Lebewesens befindet sich nach der Bhagavad-gītā nicht nur die individuelle Seele.

Kṛṣṇa beschreibt auch Seine eigene Gegenwart bei allen Lebewesen.

Diese göttliche Gegenwart wird Paramātmā, die Überseele, genannt.

Ātmā und Paramātmā dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

Ātmā ist das individuelle Lebewesen.

Paramātmā ist die transzendentale Gegenwart Gottes beim Lebewesen.

Die Bhagavad-gītā 13.23 beschreibt diese göttliche Gegenwart unter anderem als Beobachter, Erlaubenden und Erhalter.

Damit enthält das vedische Menschenbild eine bemerkenswerte Aussage:

Der Mensch ist in seinem innersten Existenzbereich nicht von Gott verlassen.

Gottes Gegenwart muss nicht erst durch Meditation oder Glauben erzeugt werden.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob und wie das verkörperte Lebewesen seine Beziehung zu dieser göttlichen Gegenwart erkennt.

Warum vergessen wir, wer wir sind?

Das Wort „vergessen“ darf dabei nicht zu einfach verstanden werden.

Wir wachen nicht morgens auf und haben lediglich eine Information über unsere Seele vergessen.

Unsere gesamte Wahrnehmung ist zunächst auf die materielle Wirklichkeit ausgerichtet.

Wir erleben den Körper.

Wir erleben Sinneseindrücke.

Wir erleben Bedürfnisse.

Wir erleben Wünsche und Ängste.

Wir reagieren auf andere Menschen.

Wir entwickeln Gewohnheiten und Vorstellungen von uns selbst.

Vergangene Erfahrungen hinterlassen Prägungen.

Die drei GuṇasSattva, Rajas und Tamas – beeinflussen die Qualität unserer materiellen Bedingtheit.

So entsteht eine komplexe Lebenswirklichkeit, innerhalb derer die materielle Identität sehr überzeugend erscheinen kann.

Die spirituelle Frage lautet deshalb nicht einfach:

„Glaube ich an eine Seele?“

Sie lautet:

„Was verändert sich, wenn ich tatsächlich beginne, mich als Seele zu verstehen?“

Ist alles, was mir begegnet, von Gott geplant?

Hier ist eine wichtige Grenze notwendig.

Nicht jedes Ereignis unseres Lebens darf als individuell für uns arrangierte Botschaft Gottes interpretiert werden.

Wir leben innerhalb komplexer Zusammenhänge.

Unsere eigenen Handlungen besitzen Wirkungen.

Andere Menschen handeln ebenfalls aus eigenem Willen.

Karma wirkt.

Die materielle Natur wirkt.

Unser Körper besitzt bestimmte Bedingungen.

Kāla, die Zeit, ermöglicht Veränderung und die Entfaltung von Prozessen.

Und all dies steht nach vedischem Verständnis innerhalb einer göttlichen Ordnung.

Aber daraus folgt nicht, dass wir bei jedem Unfall, jeder Krankheit oder jedem Verlust sagen könnten:

„Gott wollte mir damit genau diese Lektion erteilen.“

Wir kennen die vollständigen Zusammenhänge nicht.

Spirituelle Erkenntnis sollte deshalb nicht dazu führen, jedes Ereignis vermeintlich erklären zu können.

Sie sollte unsere Verantwortung dafür schärfen, wie wir auf Ereignisse antworten.

Was bedeutet Entwicklung?

Auch hier unterscheidet sich unser heutiges Verständnis deutlich von der früheren Fassung.

Die Seele muss nicht erst lernen, eine Seele zu werden.

Ātmā wird nicht durch materielle Erfahrungen allmählich erschaffen oder vervollkommnet.

Entwicklung betrifft vielmehr das Bewusstsein des verkörperten Lebewesens.

Der Mensch kann lernen, seine Identifikationen zu erkennen.

Er kann Wünsche und Prägungen wahrnehmen.

Er kann seine Entscheidungen prüfen.

Er kann Verantwortung für sein Handeln übernehmen.

Und er kann beginnen, seine ursprüngliche Beziehung zu Gott wieder bewusst ins Zentrum seines Lebens zu stellen.

Spirituelle Entwicklung bedeutet deshalb nicht:

Aus einer unvollkommenen Seele wird irgendwann eine vollkommene Seele.

Sondern:

Das ewige Lebewesen beginnt zunehmend zu erkennen, wer es ist und in welcher Beziehung es zu Gott steht.

Wer bin ich also?

Die vedische Antwort auf diese Frage ist erstaunlich klar:

Ich bin nicht mein Körper.

Ich bin nicht lediglich meine Gedanken und Gefühle.

Ich bin nicht meine gesellschaftlichen Rollen.

Ich bin nicht mein Besitz.

Ich bin nicht Ahaṅkāra, meine materielle Ich-Identifikation.

Ich bin Ātmā – ein individuelles, bewusstes und ewiges Lebewesen.

Ich lebe gegenwärtig in einem grobstofflichen Körper und bin mit einer feinstofflichen materiellen Struktur verbunden.

Ich nehme wahr.

Ich wünsche.

Ich handle.

Ich trage Verantwortung.

Ich stehe unter materiellen Bedingungen, ohne meinem eigentlichen Wesen nach auf diese Bedingungen reduziert werden zu können.

Und ich existiere nicht beziehungslos.

Meine Existenz steht ihrem Ursprung nach in Beziehung zu Kṛṣṇa.

Damit führt die Frage „Wer bin ich?“ zwangsläufig zur nächsten:

„Wenn ich eine ewige Seele bin – wer ist dann Gott, und in welcher Beziehung stehe ich zu Ihm?“