Zeit

Zeit – die Möglichkeit von Veränderung

Zeit gehört so selbstverständlich zu unserem Leben, dass wir meist erst über sie nachdenken, wenn wir spüren, dass sie vergeht. Wir messen sie in Sekunden, Tagen und Jahren und ordnen unser Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die vedischen Schriften beschreiben Zeit (Kāla) jedoch nicht nur als menschliches Maß. Sie gehört zu den grundlegenden Bedingungen der materiellen Schöpfung.

Denn eine Welt, in der etwas entstehen, sich entwickeln, verändern und wieder vergehen kann, benötigt eine Abfolge. Etwas ist – etwas geschieht – und danach ist die Wirklichkeit nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Zeit macht Veränderung als Prozess möglich.

Damit erhält Kāla auch für Ursache und Wirkung eine besondere Bedeutung. Eine Handlung geschieht, ihre Folgen entfalten sich, und diese Folgen werden wiederum zu Bedingungen für weitere Entwicklungen. Ohne ein Vorher und Nachher könnten solche Zusammenhänge innerhalb der materiellen Welt nicht als Prozess sichtbar und erfahrbar werden.

Zeit selbst entscheidet dabei nicht, was geschieht. Sie besitzt keinen eigenen Willen und ist nicht mit Karma oder göttlicher Führung gleichzusetzen. Sie schafft vielmehr die zeitliche Ordnung, innerhalb derer Veränderung, Handlung und Wirkung hervortreten können.

Unterliegt auch Gott der Zeit?

Hier setzt die vedische Vorstellung eine entscheidende Grenze.

Wenn Gott Ursprung der materiellen Wirklichkeit ist, kann Er nicht selbst von einer materiellen Zeit abhängig sein, die zu dieser Wirklichkeit gehört.

Nicht Gott existiert innerhalb einer über Ihm stehenden Zeit – die materielle Zeit existiert innerhalb der von Gott abhängigen Schöpfungsordnung.

Deshalb kann die Bhagavad-gītā Kṛṣṇa zugleich als Ursprung der Wirklichkeit und als Kāla, die mächtige Zeit, beschreiben. Besonders eindringlich geschieht dies in der universalen Form, als Kṛṣṇa Sich Arjuna als die Zeit offenbart, welche die Welten zur Auflösung führt (Bhagavad-gītā 11.32).

Zeit macht damit eine fundamentale Eigenschaft der materiellen Welt sichtbar:

Alles Materielle ist der Veränderung unterworfen.

Körper entstehen, wachsen, altern und sterben. Gesellschaften entstehen und vergehen. Möglichkeiten erscheinen und verschwinden. Keine materielle Situation bleibt dauerhaft bestehen.

Warum gibt es Zeit?

Hier kommen wir an eine Grenze zwischen vedischer Aussage und philosophischer Überlegung.

Wir können erkennen, welche Funktion Kāla innerhalb der materiellen Wirklichkeit besitzt. Schwieriger ist die Behauptung, wir könnten sicher wissen, warum Gott die Zeit genau in dieser Weise eingerichtet hat.

Ein Gedanke liegt jedoch nahe:

Die materielle Welt ist eine Welt des Handelns und der Veränderung. Entscheidungen können zu Handlungen werden, Handlungen können Wirkungen hervorbringen und diese Wirkungen können neue Bedingungen schaffen.

Kāla ermöglicht, dass Wirklichkeit nicht nur besteht, sondern sich entfaltet.

Man kann Zeit deshalb als eine von Gott gesetzte Möglichkeit verstehen, durch die innerhalb der materiellen Schöpfung Prozess überhaupt erfahrbar wird.

Zeit ist damit mehr als eine Uhr, die im Hintergrund mitläuft.

Sie ermöglicht ein Vorher und Nachher – und damit Entwicklung, Veränderung, Handlung und die Entfaltung ihrer Folgen.

Zeit und Karma

Damit wird auch die Beziehung zwischen Kāla und Karma verständlicher.

Karma beschreibt den Zusammenhang von Handlung und Wirkung. Kāla ist nicht selbst Karma und verteilt auch nicht wie eine kosmische Gerichtsinstanz Belohnungen und Strafen.

Aber karmische Wirkungen benötigen Bedingungen, unter denen sie sich entfalten können.

Eine Handlung kann heute geschehen und erst später Folgen zeigen. Frühere Handlungen können Bedingungen der Gegenwart mitgeprägt haben, und gegenwärtiges Handeln kann zukünftige Bedingungen beeinflussen.

Zeit ermöglicht somit die Entfaltung karmischer Zusammenhänge, ohne selbst deren bewusster Lenker zu sein.

Die Seele und die Zeit

Für den Menschen ist diese Unterscheidung besonders wichtig.

Unser Körper unterliegt der Zeit. Er entsteht, verändert sich, altert und vergeht.

Die Seele (Ātmā) dagegen wird in der Bhagavad-gītā als ungeboren und unvergänglich beschrieben. Sie wird nicht durch Zeit erzeugt und durch den Tod des Körpers nicht vernichtet.

Damit treffen im menschlichen Leben zwei sehr unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander:

Wir sind als Seele ewig – und leben gegenwärtig in einer Verkörperung, die zeitlich begrenzt ist.

Gerade daraus erhält Zeit ihren existenziellen Wert.

Die Frage lautet nicht nur:

Wie viel Zeit habe ich?

Sondern:

Was mache ich mit der Zeit, die mir in dieser Verkörperung zur Verfügung steht?

Denn Zeit ermöglicht nicht nur Veränderung.

Sie ermöglicht auch, dass Erkenntnis zu Entscheidung, Entscheidung zu Handlung und Handlung zu einer veränderten Wirklichkeit werden kann.

Und damit wird Zeit zu dem Raum, in dem wir Verantwortung tatsächlich leben können.