Zeit
Zeit im Sinne der Veden ist „der Blick Gottes“. Sie ist die Grundlage für Bewegung und Veränderung. Ohne Zeit wäre alles in einem Moment existent oder eben nicht. Zeit ist die göttliche Ordnunggröße. Die Elemente mögen existieren, aber ohne den Faktor Zeit könnten sie keine Veränderung erlangen. Diese Möglichkeit der Veränderung, der Verfielfältigung und des zu Grunde gehens ist ein Merkmal für die Existenz Gottes durch den Faktor Zeit.
Wir modernen Menschen kennen die Zeit als lineare Größe, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt wird. Aber stimmt das wirklich?
Sagen wir im Stillen den Satz „Hier und Jetzt“!
Wenn ich „Hier“ sage sind „und jetzt“ noch Zukunft. Wenn ich „Jetzt“ sage, sind „Hier und“ schon Vergangenheit. Sage ich „und“, ist „Hier“ schon Vergangenheit und „Jetzt“ noch Zukunft. Zukunft und Vergangenheit sind klar abgrenzbar, die Gegenwart aber ist der Zeitraum zwischen Zukunft und Vergangenheit. Dabei kann dieser Zeitraum so klein bzw. kurz werden, daß er gar nicht mehr wahrgenommen werden kann.
Die Gegenwart bleibt also eine geistige, eine transzendente Größe, die abhänging von meinem Bewußtsein bzw. meiner Einstellung ist.
Zyklische Natur der Zeit
In den Veden wird die Zeit als zyklisch beschrieben, bestehend aus wiederkehrenden Zeitaltern (Yugas), die zusammen einen großen Zyklus (Maha-Yuga oder Divya-Yuga) bilden. Ein Maha-Yuga setzt sich aus vier aufeinanderfolgenden Yugas zusammen:
- Satya-Yuga: Dauer von 1.728.000 Jahren.
- Treta-Yuga: Dauer von 1.296.000 Jahren.
- Dvapara-Yuga: Dauer von 864.000 Jahren.
- Kali-Yuga: Dauer von 432.000 Jahren.
Diese vier Yugas zusammen ergeben einen vollständigen Zyklus von 4.320.000 Jahren. Nach Abschluss eines Maha-Yuga beginnt der Zyklus von neuem. Derzeit befinden wir uns im Kali-Yuga, das als Zeitalter des Streits und der Heuchelei gilt.
Makrokosmische Zeiteinheiten
Die vedischen Schriften beschreiben auch größere Zeiteinheiten, die das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen:
- Kalpa: Ein Kalpa entspricht einem Tag Brahmas, des Schöpfers im Hinduismus, und dauert 4,32 Milliarden Jahre.
- Maha-Kalpa: Ein Maha-Kalpa umfasst 100 Jahre Brahmas, was 311,04 Billionen menschlichen Jahren entspricht.
Diese gigantischen Zeiteinheiten verdeutlichen die immense Skala, in der die vedische Kosmologie das Universum betrachtet.
Zeit als zerstörerische Kraft
In der Bhagavad Gita offenbart Krishna in Seiner universalen Form die allumfassende Macht der Zeit:
„Ich bin die Zeit, der große Zerstörer der Welten, und bin gekommen, um alle Menschen zu verschlingen.“
(Bhagavad Gita 11.32)
Diese Aussage unterstreicht die Rolle der Zeit als unvermeidliche Kraft, die alle Dinge beeinflusst und schließlich zur Auflösung führt.
Zeit und Befreiung
Obwohl die Zeit in der materiellen Welt als zerstörerisch wirkt, betonen die vedischen Schriften, dass die Seele (Atman) ewig und unveränderlich ist. Durch spirituelle Praxis und Selbstverwirklichung kann die Seele die Bindungen der materiellen Zeit überwinden und den Zustand der Befreiung (Moksha) erreichen, der jenseits von Zeit und Raum liegt.
Die vedischen Schriften weisen der Zeit (Kala) eine fundamentale Bedeutung zu, insbesondere in Verbindung mit dem Prinzip des Karma. Zeit wird als die Energie Gottes betrachtet, die alle Handlungen und ihre Konsequenzen in der materiellen Welt beeinflusst und steuert.
Die Rolle der Zeit im Rahmen von Karma
- Zeit als Medium für Karmische Konsequenzen
Laut den vedischen Schriften ist Kala das Instrument, durch das die Früchte des Karma (Handlungen) ausgeführt und erlebt werden. Jede Handlung (positiv oder negativ) hat eine entsprechende Reaktion, die entweder sofort oder nach einem bestimmten Zeitintervall erlebt wird. Die Zeit wirkt hier als neutraler Vermittler, der dafür sorgt, dass jede Handlung zu ihrer richtigen Konsequenz führt. - Bhagavad Gita (3.16):
„Wer nicht im Einklang mit diesem Kreislauf von Opfer und Karma lebt, lebt ein Leben der Sünde und wird von den Ketten der materiellen Natur gefesselt.“ - Zeit als Zeuge und Vollstrecker
In der vedischen Kosmologie wird die Zeit als allgegenwärtige Energie Gottes betrachtet, die keine Handlung übersieht. Sie wirkt unpersönlich, aber präzise, und sorgt dafür, dass das Gesetz von Ursache und Wirkung niemals verletzt wird. Krishna selbst erklärt in der Bhagavad Gita:
„Ich bin die Zeit, der große Zerstörer der Welten.“ (Bhagavad Gita 11.32)
Dies zeigt, dass die Zeit sowohl die Schöpfung als auch die Zerstörung regelt und jede Handlung im Universum umfasst. - Zeit und das Kreislaufsystem von Geburt und Tod
Zeit ist untrennbar mit dem Zyklus von Geburt und Tod (Samsara) verbunden. Jede Seele, die durch Karmagebunden ist, wird durch den Einfluss von Zeit in verschiedene Lebensformen gebracht, um die Ergebnisse ihrer Handlungen zu erfahren. Der Kreislauf der Zeit hält die Seele in der materiellen Welt gefangen, bis sie durch spirituelles Wissen und Hingabe diesen Kreislauf durchbricht. - Bhagavad Gita (4.17):
„Die Komplexität des Karma ist schwer zu verstehen. Deshalb sollte man wissen, was richtige Handlung, falsche Handlung und Untätigkeit sind.“ - Zeit und die Drei Gunas (Modi der materiellen Natur)
Die Zeit wirkt auf die Modi der materiellen Natur (Sattva – Tugend, Rajas – Leidenschaft, Tamas – Unwissenheit) und bestimmt, welche Einflüsse auf eine bestimmte Seele zu einem bestimmten Zeitpunkt wirken. In der vedischen Philosophie wird erklärt, dass die Seele durch Sattva-Guna spirituellen Fortschritt machen und durch Tamas und Rajas in der materiellen Welt gefesselt bleiben kann.
Befreiung vom Einfluss der Zeit
Die Zeit bindet die Seele an die materielle Welt, solange sie den Gesetzen von Karma unterliegt. Die vedischen Schriften zeigen jedoch Wege auf, wie die Seele sich vom Einfluss der Zeit befreien kann:
- Hingabe an Gott (Bhakti)
Die Bhagavad Gita erklärt, dass die Zeit und das Gesetz von Karma die Seelen in der materiellen Welt regieren, jedoch keinen Einfluss auf die Seele haben, die sich Gott hingegeben hat. - Bhagavad Gita (4.9):
„Wer die transzendentale Natur Meiner Geburt und Meiner Taten versteht, wird, nachdem er diesen Körper verlassen hat, niemals wieder geboren, sondern kehrt in Mein ewiges Reich zurück.“ - Bewusstsein jenseits der Zeit entwickeln
Zeit ist ein Merkmal der materiellen Welt. Wenn die Seele ihre spirituelle Natur erkennt und sich auf Gott konzentriert, erhebt sie sich über die Zeit. Der Zustand von Moksha (Befreiung) ist ewig und jenseits der Zeit. - Bhagavad Gita (10.30):
„Unter den Zerstörern bin Ich die Zeit.“
Diese Aussage zeigt, dass Zeit im materiellen Bereich zerstörend ist, aber im spirituellen Bereich nicht existiert.